Lüftlmalerei in Oberammergau – „Gottvater in Wolken“

(Foto: Knut Kuckel)
(Foto: Knut Kuckel)

Lüftlmalereien zieren die Häuser in Oberammergau. Ein großer Teil der farbenprächtigen Bilder geht bis auf das 18. Jahrhundert zurück. Die Lüftlmalerei ist eine beeindruckende Form der Fassadenmalerei, die viele Häuser des Ortes in eine Freiluftgalerie verwandelt.

Lüftlmalerei ist Freskomalerei und sehr haltbar. Die Maltechnik spricht dafür, dass sich in den Dörfern zwischen Karwendel und Ammergauer Alpen ein einzigartiger barocker Bilderschatz nahezu unversehrt erhalten hat.

Mein sach- und fachkundiger Begleiter in Oberammergau ist der Tiroler Lüftlmaler und Restaurator Markus Kniepeiß. Von ihm erfahre ich viel über die Lüftlmalerei. (Foto: Knut Kuckel)
Mein sach- und fachkundiger Begleiter in Oberammergau ist der Tiroler Lüftlmaler und Restaurator Markus Kniepeiß. Von ihm erfahre ich viel über die Lüftlmalerei. (Foto: Knut Kuckel)

“Die Lüftlmalerei ist eine Form der Fassadenmalerei”, erklärt Markus Kniepeiß, “bei dieser Maltechnik wird die Farbe auf den noch feuchten Kalkputz aufgetragen. Trocknet der Putz, verbinden sich die Farbpigmente mit dem Kalk. So wird die Malerei selbst zu einer harten und wasserunlöslichen Schicht und somit haltbar und wetterbeständig.”

Besonders im 18. Jahrhundert durch Künstler wie Franz Seraph Zwinck geprägt, zeigen die barocken Fresken oft biblische Szenen, Heiligenfiguren oder illusionistische Architekturdetails. Bekannte Beispiele sind das Pilatushaus und das sogenannte Mussldomahaus am Lüftlmalereck.

Franz Seraph Zwinck, der im 18. Jahrhundert zahlreiche Fassaden im bayerischen Oberland und Tirol im Frescostil verzierte, wohnte im Haus „Zum Lüftl“ in Oberammergau. Foto: Knut Kuckel)
Franz Seraph Zwinck, der im 18. Jahrhundert zahlreiche Fassaden im bayerischen Oberland und Tirol im Frescostil verzierte, wohnte im Haus „Zum Lüftl“ in Oberammergau. Foto: Knut Kuckel)

Die Idee, Gebäuden eine zusätzliche Illusion von Architektur zu geben, sie mit Figuren und Schmuckelementen zu verzieren, stammt aus der Antike. Die künstlerischen Impulse für Oberbayern kamen aus Italien, wo die Städte vom Beginn der Renaissance bis zum Ausgang des Barock farbenfrohe Bildräume waren und teilweise sogar ganze Plätze mit zusammenhängenden Malereizyklen dekoriert wurden.

Inspirationsquellen für Zwincks Lüftlmalereien waren durch Grafiken verbreitete Bildschöpfungen von Künstlern wie zum Beispiel Peter Paul Rubens. Die Drucke stammten aus Augsburg, den Niederlanden und Italien. 

Im Passionsspielort Oberammergau reihen sich Lüftlmalereien aus dem 18. bis 20. Jahrhundert wie Perlen an einer Kette, angefangen von der Ettaler Straße über die Dorfstraße und den Sternplatz bis zum Pilatushaus.

Die illusionistischen Malereien am Pilatushaus in Oberammergau sind Zwincks Meisterwerk. (Foto: Knut Kuckel)
Die illusionistischen Malereien am Pilatushaus in Oberammergau sind Zwincks Meisterwerk. (Foto: Knut Kuckel)

Das Pilatushaus ist fraglos Höhepunkt von Zwincks Schaffen. Heute unvorstellbar: In den 1980er-Jahren war es vom Abriss bedroht, was engagierte Bürger verhinderten und damit den Künstler wieder ins öffentliche Bewusstsein rückten. Beauftragt hatte ihn 1784 Andreas Lang, der sich die Szene von Christus vor Pilatus für die Gartenseite seines Anwesens wünschte. Der Verleger selbst wirkte im Rahmen der Passionsspiele in der Rolle des Pilatus mit. 

Ankündigung der Passionsspiele in Oberammergau (Foto: Knut Kuckel)
Ankündigung der Passionsspiele in Oberammergau (Foto: Knut Kuckel)

Die weltberühmten Passionsspiele, die alle zehn Jahre stattfinden, werden in Oberammergau in Bayern aufgeführt. Seit 1634 erfüllt die Gemeinde damit ein Gelübde, das während der Pestzeit abgelegt wurde. Die Spiele finden im dortigen Passionstheater statt, wobei nur einheimische Darsteller mitwirken. Die nächsten Spiel sind für 2020 geplant.

“Wo und wie kann man die Lüftlmalerei lernen?”, eine abschließende Frage an Markus Kniepeiß. “Lüftlmaler ist kein Ausbildungsberuf. Manche haben das Glück, während ihrer Ausbildung als Maler von ihrem Meister die Arbeitsweisen und Fertigkeiten des Lüftlmalers zu erlernen. Eine Ausbildung zum Kirchenmaler ist ebenso von Vorteil, weil auch diese alte Maltechniken vermittelt. Ansonsten muss man sich dieses Handwerk selbst aneignen, in der Theorie durch Fachliteratur und in der Praxis durch üben.”

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Es war die Blütezeit der Lüftlmalerei, die damals sogar einen prominenten Bewunderer fand. Johann Wolfgang von Goethe reiste 1786 über die Alpen und zeigte sich beeindruckt von der Ammergauer Bilderwelt, die er im Glanz der Sonnenstrahlen sah. „Es scheint, mein Schutzgeist sagt Amen zu meinem Credo, und ich danke ihm, der mich an einem so schönen Tag hierher geführt hat“, notierte er in sein Tagebuch.

Alfred Pohler, Kunstwerke der Fassadenmaler in Südbayern, Tirol und Vorarlberg, Holdenried Druck- und Verlags-GmbH, Füssen (Foto: Knut Kuckel)
Alfred Pohler, Kunstwerke der Fassadenmaler in Südbayern, Tirol und Vorarlberg, Holdenried Druck- und Verlags-GmbH, Füssen (Foto: Knut Kuckel)

Heute ist die Lüftlmalerei in Oberbayern ein liebgewonnenes Kulturgut, das gehegt, gepflegt und erforscht werden muss. Wo sonst werden alte Schätze so offen wie ein aufgeschlagenes Buch präsentiert?

Lüftlmalerei in Oberammergau – „Gottvater in Wolken“ (Fotos: Knut Kuckel)

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