hr Studio Mittelhessen, Bild: hr/Ben Knabe
hr Studio Mittelhessen, Bild: hr/Ben Knabe

Radiojahre in Hessen – Aufbruch ins digitale Informationszeitalter

In meinen ersten Radiojahren in Hessen machten wir uns auf ins Digitalzeitalter. Chips und Computer – Telekommunikation und Internet. Der Aufbruch ins Informationszeitalter war nicht mehr aufzuhalten.

Der digital vernetzte Lebensstil war um die Jahrtausendwende vergleichbar mit der industriellen Revolution. Wirtschaft und Arbeitswelt veränderten sich in großer Geschwindigkeit, in der Öffentlichkeit eroberte in nur wenigen Jahren das drahtlose Telefon die gesellschaftliche Kommunikation.

In jenen Jahren, Ende – 1989/1990 – wechselte ich als Radiojournalist von Belgien nach Deutschland. Mein persönlicher Aufbruch in ein neues Medienzeitalter war in der Startphase noch verhältnismäßig übersichtlich und betont unterhaltsam.

Der Belgische Rundfunk, BRF (mein damaliger Arbeitgeber) beteiligte sich gelegentlich in Kooperation mit dem Hessischen Rundfunk (hr) an der sehr aufwändig produzierten Sendung „Radio Match“. Nach einer Idee des früheren hr-Unterhaltungschefs Hanns Verres. 

Radio Match BRF/hr 25.02.1986 Foto: Knut Kuckel

Es gab zwei Sendeorte – geleitet wurde die Produktion aus dem hr-Funkhaus in Frankfurt am Main. Der damalige BRF-Direktor Peter Moutschen beauftragte mich, für den BRF in Kiedrich (Rheingau) zu moderieren. Das Angebot war aus meiner Sicht spannend, deshalb sagte ich „ja“. Die Sendung am 25. Februar 1986 war erfolgreich.

Ein paar Monate nach der Sendung besuchte mich ein hr-Kollege im Auftrag seiner Frankfurter Programmdirektion in Eupen und machte mir das Angebot, zum Hessischen Rundfunk zu wechseln.

Es folgten lange und erlebnisreiche Radiojahre in Hessen. 

Beruflich aktiv war ich beim Hessischen Rundfunk als Studioleiter in Gießen.  Gelegen nördlich von Frankfurt am Main. Zur Orientierung für Nicht-Hessen – zu Mittelhessen gehören, neben Gießen, u.a. auch die Städte Wetzlar, Limburg, Friedberg und Marburg. 

Mein Start war im Studio Wetzlar. Unsere Regionalprogramme trugen das Etikett „Radio Lahn“. Beiträge lieferten wir für alle hr-Hörfunk-Programme. Die Regionalsendungen für Mittelhessen wurden über hr4 ausgestrahlt.

Von meinem damaligen Team existiert noch ein Foto, aufgenommen hat das die Marburger Fotografin Gabriele Kircher, unweit der Lahnbrücke. Das war wohl in den Jahren 1989/1990. 

Team hr Studio Wetzlar, Foto: Gabriele Kircher/hr

Unser Studio war in einem alten Postgebäude untergebracht. Sehr wilhelminisch, mit meterdicken Wänden. Das denkmalgeschützte Gebäude war baulich nicht geeignet für die anstehende Digitalisierung. Ein Umzug folglich unvermeidlich. Wir machten uns auf die Suche nach einem Studio-Sitz in den Städten Wetzlar, Marburg und Gießen.

Gießen erhielt den Zuschlag. Das neue Mittelhessen-Studio wurde schließlich in der Georg-Schlosser-Straße begründet. Nahe des Stadtkirchenturms am Kirchenplatz.

hr Studio Mittelhessen in Gießen Bild © hr/Ben Knabe

In meinen Radiojahren in Hessen habe ich mich auch gerne an der Weiterentwicklung des kreativen Programmangebotes beteiligt. Das geht einher mit meinem Engagement in der theoretischen und praktischen Ausbildung für Programm-Mitarbeiter/-Mitarbeiterinnen von ARD und ZDF (ZFP). Speziell konnte ich mich bei der ZFP mit Reporter-Seminaren einbringen.

Reporterausbildung mit dem Ü-Wagen. (Foto: hr)

Das Fortbildungsprogramm richtete sich an Reporter und Redakteure von Hörfunk und Fernsehen, an Programm- und Produktionsmitarbeiter, an Moderatoren, Autoren, Videojournalisten, Dramaturgen, Regisseure und Produzenten.

Im Zentrum der angebotenen Seminare standen das journalistische Handwerk mit Übungen zu den klassischen journalistischen Darstellungsformen wie Interview, Reportage und Text. Hinzu kamen Seminare zu digitaler Technik, Online-Redaktion, Drehbuchgestaltung und Produktion.

In Mittelhessen war ich mit meinem Team aktiv an der Nutzung und Weiterentwicklung digitaler Medien für unsere Programmaufgaben beteiligt. 

Für den Weg von der analogen zur digitalen Rundfunktechnik blieb uns nicht viel Zeit. Rückblickend waren es nur ca. fünf Jahre. In diesem Zeitraum wurden in den Redaktionen die Computer vernetzt, man sprach zum ersten Mal vom „Internet“.

Für alles, was in jener Zeit mit Computerarbeitsplätzen zu tun hatte, war die hr-EDV zuständig. Über die Schreibtische der „Elektronischen Datenverarbeitung“ ging alles, was mit Computern, Rechenzentren und Leitungen zu tun hatte.

Das hr-Studio Mittelhessen beteiligte sich an einem Pilotprojekt. Als erstes Regionalstudio mit Digitalkonzept. Das mittelhessische Digitalstudio konnte ohne Techniker betrieben werden und belieferte über das Funkhaus in Frankfurt am Main die gesamte ARD mit Informationen aus Mittelhessen.

Die Geschichte des Internets lässt sich aus meiner Sicht in drei Phasen einteilen:

In der Frühphase – ab Mitte der 1960er-Jahre – wurden die Grundlagen gelegt. Ende der 1970er-Jahre, gleichzeitig mit dem Wechsel von der militärischen zur akademischen Forschungsförderung, begann das Wachstum und die internationale Ausbreitung des Internets.

Ab 1990 das Internet kommerziell genutzt.

Die Entwicklung des Internets war schnell. 1993 lag die Nutzung digitaler Informationsnetze bei ca. 1 %, sieben Jahre später schon bei 51 % und 2007 dominierte das Internet die digitale Kommunikation mit schon ca. 97 Prozent.

Zum Vergleich: das analoge, kabelgebundene Telefon brauchte bis zur Marktreife um die 100 Jahre. 

Das alte Telefon, Foto von Pexels

Der in den USA lebende Schotte Alexander Graham Bell gilt neben anderen als Erfinder des Telefons, so wie wir es noch in Erinnerung haben. Denn vor ca. 140 Jahren gelang ihm eine bahnbrechende Erfindung: Bell entdeckte, wie man Schallwellen in elektrische Schwingungen umwandeln kann. Das war die Grundlage der modernen Telefonie.

Aus Sicht der Radioleute verabschiedeten wir uns nicht nur vom kabelgebundenen Telefon, wir wechselten auch bei der Nutzung unserer Tonträger von der Schallplatte zur CD. Die CD hatte eine vergleichsweise kurze Nutzungszeit von nur ein paar Jahren, dann verschwand auch sie aus den Radiostudios. Musik und andere Aufzeichnungen kamen von der digitalen Datenbank.

Für die Digitalisierung seines Rundfunkarchivs brauchte der Hessische Rundfunk bis zu acht Jahre lang. Rückblickend war das die Zeit von 2012 bis 2020. 

Deutsches Rundfunkarchiv, Foto: hr

Das Deutsche Rundfunkarchiv (DRA) ist die erste und älteste Gemeinschaftseinrichtung der ARD und wurde 1952 mit Sitz beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main gegründet. Zu den Aufgaben des DRA gehört neben der Sammlung und Archivierung historischer Tonaufnahmen und -träger seit Gründung der ARD der Aufbau übergreifender Nachweissysteme für archivierte Tondokumente und die Vereinheitlichung der Katalogisierungsverfahren. 1962 kam die Dokumentation von Fernsehproduktionen hinzu. Die Zentrale Katalogisierung von U-Musik-Schallplatten, heute überwiegend CDs und Audiofiles, für die Archive der ARD (ZSK) wurde 1978 mit dem Einzug der EDV in die Dokumentation ebenfalls dem DRA zugeordnet.

Das Internet und die Digitalisierung veränderten sowohl die Mediensysteme selbst als auch das Informationsverhalten aller Medien-Nutzer rasant und nachhaltig.

In Frankfurt verfügt das DRA über eine bedeutende Sammlung historischer Tonträger, darunter mehr als 100.000 Schellackplatten und Tonbänder mit Originalaufnahmen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart sowie gedruckte Publikationen und Schriftgut zur Programm- und Unternehmensgeschichte des ARD und des deutschen Rundfunks vor 1945. Zudem ist die Zentrale Schallplattenkatalogisierung von ARD und ZDF (ZSK) hier angesiedelt. Sie erfasst seit 1978 die in Deutschland neu erscheinenden Industrietonträger und stellt die Daten für die Rundfunkanstalten bereit.

Radiojahre in Belgien – „das war eine gute Zeit…“

Quellen:

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Von
Knut Kuckel