Die Jacke meines Vaters – „ein starkes Symbol für Heimat“
Mit dieser Jacke haben wir unseren Vater selten gesehen. Meistens trug er sie als Gast seiner Freunde in Südfrankreich. Foto: Knut Kuckel
Mit dieser Jacke haben wir unseren Vater selten gesehen. Meistens trug er sie als Gast seiner Freunde in Südfrankreich. Foto: Knut Kuckel

Die Jacke meines Vaters – „ein starkes Symbol für Heimat“

Die Jacke meines Vaters hängt im Keller meines Bruders. Dort, wo er am liebsten tischlert. Wo man Dinge findet, die an persönliche Lebenswege erinnern. Das Berühren der Jacke löst Empfindungen aus, die mir etwas zurückgeben, was ich vor langer Zeit schon verloren glaubte.

Das sind Heimatgefühle. Oder anders formuliert: Das Empfinden, ein Zuhause zu haben. Die »Jacke meines Vaters« ist für mich ein starkes Symbol für Heimat.

Horst Seehofer ist nicht unschuldig daran, dass der Begriff „Heimat“ heute polarisiert und Menschen beschäftigt, die sich mehr und mehr fragen, wo sie denn eigentlich daheim sind? Denen ihre „Heimatgefühle“ auf ihren unterschiedlichsten Lebenswegen irgendwann einmal abhanden kamen?

Also – was sind nun „Heimatgefühle“? – Darauf antwortete der amtierende Heimatminister in einem Gespräch mit dem Handelsblatt sehr konkret und nachvollziehbar: „Eine maßgebliche Voraussetzung für Heimatgefühle ist, wahrgenommen und anerkannt zu werden.“ 

Ich denke, damit kann ich leben.

Diese Fragen begleiten mich auch schon ein Leben lang. Im europäischen Ausland ebenso, wie in Deutschland. Ständig gefragt zu werden, wo man denn eigentlich zuhause sei, schließt aus. Macht heimatlos. Meine hochdeutsche Sprache war für mich in diesem Zusammenhang in gleicher Weise nützlich wie hinderlich.

Die „Jacke meines Vaters“, die mich auch das Fühlen lässt, hat ihr Älterwerden anscheinend gut überstanden. Hängt da auf einem Bügel, als würde sie noch gebraucht.

Dabei ist dieses Kleidungsstück aus einer sichtbar anderen Zeit, heute schon doppelt so alt, wie ihr früherer Besitzer. Vater verließ uns am Neujahrstag 1960. Er wurde nur 39 Jahre alt und starb vor rund 60 Jahren.  

Die Jacke hat ihn nicht nur überlebt, sondern wurde inzwischen fast doppelt so alt wie er. Das allein macht sie schon besonders. Als Kleidungsstück hat sie ausgedient. Vater trug diese Jacke in seiner Freizeit. Immer dann, wenn er mit unserer Mutter seine Freunde im südfranzösischen Nizza besuchte. Bis zum Ende des 2. Weltkriegs war er dort in Kriegsgefangenschaft. Als „Freigänger“ lernte er seine späteren Freunde kennen. Durfte bei den Duchès in der Tischlerwerkstatt mitarbeiten. Lernte von ihnen die französische Art zu leben.

Wenn uns seine „amis francophones“ mal besuchen kamen, nannten wir Madame „Tante Madeleine“ und Monsieur „Onkel Ferdinand“. Ich mochte sie sehr, vielleicht auch, weil sie immer so schöne Geschenke mitbrachten. Ich erinnere mich an eine schöne Angelrute und an Alexandre Dumas‘ „Der Graf von Monte Christo“. Eine deutschsprachige Ausgabe aus dem Leipziger Verlag von Friedrich Rothbarth. Veröffentlicht im Jahr 1938. Mit Widmung „Souvenir q un voyage en France Penta_côte 1953, Me Duchè et M Darmana“.

Das Buch habe ich gefühlte hun­dert­mal gelesen und es steht noch heute bei den Klassikern in meiner Bibliothek.

Vater wäre gerne in Frankreich geblieben, aber Mutter war dagegen. Hätte sie damals „ja“ gesagt, wären meine Geschwister und ich in Frankreich zur Welt gekommen. Unser gesamtes Leben hätte sich anders entwickelt. Was mich betrifft – „mes histoires“ würde ich vermutlich heute mit anderen Inhalten „en français“ schreiben. In Belgien, Österreich oder auch den Niederlanden hätte ich vermutlich nie gelebt. Vielleicht ja ein paar Jahre lang in Deutschland? Aus genetisch bedingter Verbundenheit?

Mein Bruder schenkte der – so viele Emotionen auslösenden Jacke – einen prominenten Platz in seiner Kellerwerkstatt. Sie hängt da, scheinbar nur für den Augenblick. So als wäre unser Vater mal eben kurz hinaus gegangen. Ich denke, jetzt geht die Tür auf und Vater kommt leibhaftig in die Werkstatt. Setzt sich an die alte Hobelbank und arbeitet weiter. So wie der Bruder, der gerade damit beschäftigt ist, mir eine Garderobe zu tischlern.

Der Keller lebt. Lässt, wenn man das so sehen will, sogar Tote wieder auferstehen.

Ich war seit Jahren nicht mehr hier. Die meisten Gegenstände lösen bei mir angenehme Erinnerungen aus. Im Blickfeld die uralte Hobelbank vom Opa. Als er noch daran arbeitete, war sie schon uralt. An der Wand darüber, hängt das Handwerkzeug und alte Familienfotos. Eines zeigt meinen Bruder an einem Kindertisch. Da konnte er schon fast auf eigenen Beinen stehen. Das Bild hing früher im Elternhaus. Den Rahmen tischlerte der Großvater.

Ein kleines, gerahmtes Bild, zeigt Mutter und Vater auf einer Bank in Südfrankreich. Als ich das Bild sehe, fällt mir ein, dass Mutter auf die Frage, ob ich nicht auch mal im Sommer mit nach Frankreich fahren dürfte, unerwartet reagierte: „Erst wenn Du mit Messer und Gabel essen kannst und am Tisch nicht so rumzappelst.“

So war das, in den 50er Jahren. Die Erziehung war streng und der Übergang vom Kind zum Heranwachsenden nahtlos. Die Zeit als Kind habe ich so in Erinnerung, wie die Farben des Fotos – schwarz-weiß.

Diese und andere Erlebnisse im Keller meiner Familie lassen mich fühlen, dass ich an diesem Ort mal daheim war. „Das bist du noch heute“, sagt der Bruder. Ich umarme ihn dafür.

Mitte August gehe ich erneut auf Spurensuche. Bin dann mit Zeitzeugen verabredet, die mir vielleicht die ein oder andere Geschichte zu Ende erzählen können, was die Eltern nicht mehr konnten. Mutter starb sechs Jahre nach Vater. Plötzlich und unerwartet über Ostern. Ich wurde in dem Jahr fünfzehn Jahre alt.

Wir erinnern uns in diesen gemeinsamen Tagen in Prüm an Vieles. Auch daran, dass Mutter uns Kindern später einmal von der Explosionskatasrophe im Juli 1949 erzählte. Das Ereignis war heute vor 70 Jahren. Sie flüchtete mit unserem älteren Bruder im Kinderwagen ins benachbarte Dausfeld. Karlheinz war zu der Zeit gerade mal acht Monate alt. Und hungrig. Schutz fanden beide in einem Bauernhof. Dort gab’s für den Kleinen erst einmal ein Glas Milch.

„Wir liefen um unser Leben“, hörte ich sie sagen. Ich erinnere mich daran, wie ernst unsere Mutter damals war. Die Erlebnisse jener Zeit blieben allen in düsterster Erinnerung, die den „Schwarzen Freitag“ am 15. Juli 1949 in Prüm er- und überlebt hatten. 

Die Katastrophe vor 70 Jahren bewegt viele Prümerinnen und Prümer noch heute. Alle haben es so oder ähnlich von ihren Eltern oder Großeltern erzählt bekommen. Und manche Erinnerungen jener Zeit hatten bleibenden Charakter. Waren auch im erzieherischen Sinne wertvoll.

Den damaligen Rat meiner Mutter prägte ich mir zeitlebens ein: „Vergiss nie, dass es Bauern waren, die uns in der schwersten Not geholfen haben. Immer und ohne viel zu fragen.“ Vielleicht fühle ich mich deshalb – noch heute – dem Bauernstand so sehr verbunden?

Als ein paar Jahre später mein damaliger Geographie-Lehrer in der Wormser Karmeliterschule hörte, wo ich herkam, erzählte auch er mir von dem Tag, als der Kalvarienberg in Prüm in die Luft flog.

Explosion am Kalvarienberg in Prüm – „Was übrig blieb, glich einer Sandwüste“

Viele waren damals – vier Jahre nach Kriegsende – beim Wiederaufbau ihrer Häuser. Durch die gewaltige Explosion des Sprengstoffdepots wurde abermals alles zerstört.

Im Auftrag des damaligen katholischen Pfarrers, Dechant Jakob Kleusch, konnte unser Vater (Karl Kuckel) mit seinen Zimmerleuten den Dachstuhl der Salvatorbasilika in vollem Umfang sanieren. Zu einer Zeit, als Technik noch ein Fremdwort war.

Der Prümer Landbote schreibt darüber in Heft 2/2009: „Während des Zweiten Weltkriegs stand die Kirche mehrere Wochen zwischen den Fronten der amerikanischen und deutschen Soldaten, letztere hatten sich am Berg links der Prüm verschanzt. Dementsprechend gab es hunderte von Einschüssen an der Fassade und auf dem Dach, aber die Substanz des Gebäudes war erhalten geblieben.“ Ab Mai 1950 konnten in der Salvatorbasilika wieder Gottesdienste gefeiert werden.

Unser Vater durfte aufgrund seiner Leistungen Anfang Januar 1960 im katholischen Teil des Prümer Friedhofs bestattet werden. Für einen Protestanten  war das zur damaligen Zeit eine große Wertschätzung. Dechant Kleusch ruht noch heute in unmittelbarer Nachbarschaft auf dem Friedhof. Die beiden waren bis zuletzt gute Freunde.

Wir besuchen unser Familiengrab. Nach vielen Jahren mal wieder gemeinsam. Vor all diesen Hintergründen war das anders als sonst. Das Grab pflegt meine Schwägerin, Melanie Kuckel. Dafür kann man ihr nicht genug danken. Zumal sie sich auch noch um das Grab ihrer Eltern auf dem Prümer Friedhof kümmert.

Vater machte sich in der Nachkriegszeit einen Namen als Pionier im Holzleimbau. Gemeinsam mit dem Großvater (Robert Kuckel) gründete er im September 1947 ein Holzbau-Unternehmen. Zum „Prümer Holzbau“ gehörten in den Gründerjahren ein Sägewerk, mit Zimmerei und Bautischlerei und der Holzleimbau. Über 100 Beschäftigte fanden dort damals schon ihr Auskommen. 

Das ist aber eine andere Geschichte, die ich später einmal erzähle.

Fotos: Knut Kuckel

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