In schlechter Gesellschaft – wir sollten mehr Anstand wagen
Wer von der Politik frustriert ist, sollte sein eigenes Verhalten überprüfen. Streiten wir für eine bessere Gesellschaft. Foto: Knut Kuckel
Wer von der Politik frustriert ist, sollte sein eigenes Verhalten überprüfen. Streiten wir für eine bessere Gesellschaft. Foto: Knut Kuckel

In schlechter Gesellschaft – wir sollten mehr Anstand wagen

Wenn man die täglichen Nachrichten unserer globalen Wertegemeinschaft zur Kenntnis nimmt, wächst der Eindruck, dass wir in einer zunehmend roher werdenden Gesellschaft leben. Zudem ist die Meinungsfreiheit in Deutschland gefährdet.

Wem das nicht gefällt, muss sich für die Verteidigung einer offenen Gesellschaft einsetzen.

Nach den Landtagswahlen in den drei ostdeutschen Ländern Sachsen, Brandenburg und Thüringen macht sich Ernüchterung breit. Bei denen, die zum ersten Mal in voller Breite verloren haben und bei all den anderen.

Zum ersten Mal wird öffentlich ausgesprochen, dass die meisten AFD-Wähler nicht nur aus Protest rechtsextrem gewählt haben, sondern bewusst. Heißt: wegen Höcke.

Dabei wird deutlich, es gibt anscheinend in unserem Land und darüber hinaus nur gute und schlechte Menschen. Anständige und Unanständige. Ist das so?

Diese Frage ist allerdings nicht so einfach zu beantworten, selbst gesellschaftspolitische Experten scheinen in ihrer öffentlichen Breite ratlos zu sein. 

Gefühlt gibt es – mit Bezug auf die jüngste Landtagswahl in Ostdeutschland – mehr Menschen mit Anstand als umgekehrt. Um die 77 Prozent der Wähler haben sich bei der letzten Wahl in Thüringen überhaupt nicht unanständig verhalten. Darunter waren allerdings auch zahlreiche Nichtwähler.

Diejenigen, die sich auf der Seite der Guten wähnen, glauben felsenfest daran, sie könnten den Bösen auf den Weg zum besseren Menschen helfen. In Einzelfällen der sozialen Rehabilitation, beispielsweise bei jugendlichen Wiederholungsstraftätern scheint dass ja nun auch wirklich zu funktionieren. Nicht so bei den Mitmenschen, die das Gute im Menschen als Schwäche herabwürdigen.

In Zeiten vor solch autoritären Politikern wie Trump, Erdogan, Putin, Xi Jinping, Baschar Hafiz al-Assad und allen anderen, war der „schlechte Mensch“ weniger öffentlich. Das ist spätestens seit Donald Trump anders. Niedertracht wird öffentlich zur Schau getragen. Twitter und Facebook profitieren davon. Unter anderem.

Menschen ohne Anstand halten sich nicht mit diplomatischen Floskeln auf, das beeindruckt offensichtlich Menschen, die sich nicht entscheiden können, ob sie „gut“ oder „schlecht“ sein wollen. Sie beginnen vielfach ihre Idole in ihrem Lebensumfeld zu kopieren. Wohl auch, um einmal im Leben vergleichbar stark zu sein?

In unserer Gesellschaft muss somit jeder für sich herausfinden, auf welcher Seite man sich wiederfinden möchte.

Wahlergebnisse zeigen die Ergebnisse auf. In Thüringen hat zwar ein offensichtlich „Guter“ für sich die Wahl gewonnen, aber keine Mehrheiten auf seiner Seite. Gewonnen hat ein anderer. Den darf man öffentlich inzwischen sogar „Faschist“ nennen.

Da fragt sich der einfache Mensch, wenn der abends im Fernsehen Mittelpunkt des Geschehens ist, kann es doch nicht verkehrt sein, sich ihm anzuschließen.

So war das schon einmal in Deutschland. Damals waren die Nazis an der Macht. Andersdenkende wurde verfolgt oder umgebracht. Wer in jener Zeit als Andersdenkender Glück hatte, überlebte. Was uns blieb, ist das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte.

Wer das verharmlost, bringt zum Ausdruck, auf welcher Seite er stehen möchte. Jedem bleibt es in unserem derzeitigen Gesellschaftssystem vorbehalten, wo man stehen möchte. Auf Seiten der Lautstarken oder bei den Menschen, die eher leisere Töne bevorzugen.

Sich für diesen Denkprozess Zeit zu lassen, ist grundsätzlich empfehlenswert. Wenn uns die Geschichte etwas lehrt, dann das, dass die Diktatoren auf lange Sicht nie eine große Halbwertzeit hatten. Das war früher so wie heute.

Es gab niemals ein „Tausendjähriges Reich“ in Deutschland oder sonstwo auf der Welt.

Menschen haben sich überall dort, wo sie leben wollten, mehr oder weniger durchsetzen müssen. Gewinner auf Zeit waren nicht selten, diejenigen, für die Recht und Gesetz nie Maßstab ihres Tuns war.

In den meisten Fällen hatte die beobachtende Gesellschaft in diesen Fällen noch das Vergnügen, deren Untergang miterleben zu dürfen.

Weil die deutsche Kanzlerin mit großer Entourage gerade Gast in Indien war, wurde die interessierte Öffentlichkeit mit viel Hintergrundinformation versorgt. Das Grab Mahatma Gandhis besuchte Angela Merkel mit Modi, dem amtierenden Premierminister Indiens. Der spaltet nicht nur Hindus und Muslime. Narendra Modi verachtet unser Gesellschaftssystem und hält deshalb auch rein gar nichts von Meinungs- bzw. Pressefreiheit.

Aber Deutschlands politische Repäsentanten liegen Modi zu Füßen. Weil man mit über 1,3 Milliarden Menschen ja so gute Geschäfte machen kann.
Die kritische Öffentlichkeit schaut zu, politisch gelähmt.

Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand hat seine Grenzen. Weil eine auf Wachstum ausgerichtete Politik- und Gesellschaftsform immer mehr haben möchte als sie braucht, verletzt sie täglich, weltweit, rund um die Uhr, die Regeln des menschlichen Miteinanders.

Ein expansives Kulturmodell stößt an seine Grenzen. Es scheint keine moralische Ökonomie zu geben.

Deshalb werden wir wieder ohnmächtig zuschauen müssen, wie ein Teil unserer Gesellschaft mehr und mehr verroht. Meinungsfreiheit wird im Alltag von den Unanständigen missbraucht. Vielleicht ja auch deshalb, weil es keine strafbare Handlung in unserem Rechtssystem ist, Andersdenkende und anders handelnde Menschen öffentlich weit unter der Gürtellinie anzugreifen.

Wir empören uns. Immer. Das ist Teil unserer Kultur. Für die Opfer von Gewalttaten, zünden die Anständigen Kerzen an. Beten und trauern. Es sind nur Minderheiten. Die Mehrheit schaut kopfschüttelnd zu. Schweigt.

Wenige stehen auf und fordern ein Umdenken. Die, die es tun, werden von einer hysterischen Öffentlichkeit lächerlich gemacht. Nicht selten auch bedroht.

Das ist das Gegenteil einer moralorientierten Gesellschaft. Zum freiheitlichen Denken gehört auch die Bereitschaft, seine eigenen Wertevorstellungen zu prüfen. Wer von der Politik frustriert ist, sollte sein eigenes Verhalten überprüfen. Freiheit heißt vor allem Verantwortung.

Streiten wir für eine bessere Gesellschaft. Stellen wir uns den Herausforderungen unserer Zeit. Dazu gehört auch, die offensichtlich verlorengegangene Kunst der demokratischen Auseinandersetzung neu aufleben zu lassen. 

Das macht besonders in diesen Zeiten Sinn, in denen laut einer Allensbach-Umfrage 78 Prozent der Deutschen glauben, man müsse heutzutage vorsichtig mit öffentlichen Kommentaren umgehen. Sie haben Angst davor, von den Trollen dieser Welt niedergeschrien zu werden.

Der Meinungskorridor ist schmaler geworden. Zivilcourage gewinnt wieder an Bedeutung.

...danke für's WeitersagenTwitterFacebookPinterestWhatsAppEmail
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