Generation Rentnerbank – „Du bist wie Montagmorgen. Keiner mag dich!“
Die Rentnerbank polariisiert - viele lieben sie, für andere ist sie ein Symbol für Verachtung. Foto: Knut Kuckel
Die Rentnerbank polariisiert - viele lieben sie, für andere ist sie ein Symbol für Verachtung. Foto: Knut Kuckel

Generation Rentnerbank – „Du bist wie Montagmorgen. Keiner mag dich!“

Die Alten fühlen sich gesellschaftlich nicht wirklich wertgeschätzt. Sobald es um Rentenerhöhung oder privilegierte Ruheständler geht, wird die Rentnerbank ins Bild gerückt. Für nicht wenige ein Symbol erfolgreicher Sozialpolitik, andere finden sie schlicht und einfach schaurig.

Die Rentnerbank ist in der Regel konservativ besetzt. Das ist Teil ihres umstrittenen Rufes. Wer dort sitzt, mag keine Veränderungen.

Mancherorts ist sie real und findet sich an prominenten Plätzen. Da sitzen sie, stützen sich auf ihre Stöcke und andere Gehhilfen. Ihnen entgeht nichts. Wer sich vorbeitraut, wird bewertet und begutachtet. Ein vernichtendes Urteil von den Scharfrichtern der Rentnerbank ist gleichzusetzen mit dem gesellschaftlichen Aus in einer Dorfgemeinschaft wie Hintertupfingen. Die Rentnerbank steht für gelebte Politik.

Dabei ist die Rentnerbank nicht gleichzusetzen mit dem Seniorencafé. In diesem Umfeld gelten noch konservative Benimmregeln.

Dort trinkt man seinen Kaffee noch bei Tisch. Im Sitzen und ohne zu schlürfen. Seinen Kuchen isst man im Seniorencafé mit passender Gabel und – man vermeidet befremdliche Geräusche, auf die ich – mit der Bitte um Verständnis – nicht näher eingehen möchte.

Lässt es sich nicht vermeiden, eine aktivierte Rentnerbank zu passieren, mache ich das zügig, ohne Zeitverlust. Nicke halbwegs freundlich den Bänkern zu und suche das Weite. Denke, dort ist nicht Dein Platz. Und gib niemals freiwillig Deine Würde auf.

Die Rentnerbank ist der gemäßigte Stammtisch. Die Gespräche verlaufen auf gleichem Niveau, nur den Alkohol – so man ihn braucht – muss man sich selbst besorgen. Tennisspieler würden sagen, dieser Aufschlag geht an die Rentnerbank.

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen, die Bank an sich finde ich gar nicht schaurig. Im Gegenteil. Bei uns daheim stehen Bänke in überschaubaren Abständen überall. Unsere Marktgemeinde ist ein Wohlfühlort für Alte. Die Rüstigen sieht man täglich auf ihren Wanderungen, rund um sämtliche Hausberge der Region. Konditionell Benachteiligte, sitzen in den Straßencafés und beobachten das Treiben in den Fußgängerzonen. Hier leben Alte und Junge, Starke und Schwache in friedlicher Koexistenz.

Man könnte auch von einer Win-Win-Situation reden. Die Alten knausern nicht. Sie geben ihr reichlich vorhandenes Geld großzügig und mit vollen Händen aus. Den Jungen sichert das dauerhaft Arbeitsplätze. Besser geht nicht. Die Region ist Frau-Holle-Land für Menschen im Ruhestand.

Hier käme niemand ernsthaft auf die Idee, darüber öffentlich zu klagen, dass man nur noch Alte sieht. Jüngere deshalb auswandern und das Ortsbild Schaden nimmt, ginge es so weiter.

Mir fällt auf, dass es hier auf einem Quadratkilometer mehr Ärzte, Physiotherapeuten, Pflege-Dienste, Apotheker und Sanitätsfachgeschäfte gibt, als anderswo. Bei uns daheim, hat das Handwerk seit hunderten von Jahren noch immer goldenen Boden und das wird sich auch nicht ändern. Die Alten kommen und gehen. Kein Abwärtstrend in Sicht. Eine Lebensgemeinschaft im biologischen Gleichgewicht.

Das sollten sich mal die Jammerländler aus anderen Regionen anschauen kommen, die sich über alle dafür empfänglichen Medien wehklagend mit der Überalterung ihrer Städte auseinandersetzen. Die werden dann auch – und besonders gerne – von den Zeitungen, hinter denen stets ein kluger Kopf stecken sollte, zitiert. Beispiel: „Wenn ich zum Einkaufen gehe, sehe ich nur Rentner mit Rollatoren. Schrecklich.“ Das soll, so die Zeitung, ausgerechnet ein pensionierter Französischlehrer gesagt haben, der mit seinen 65 Jahren längst selbst zur Generation „Silber“ gehöre.

Meistens gibt man dann noch die Bühne frei, für einen Statistiker, der die „Vergreisung der Städte“ mit Zahlen belegen kann. „Städte vergreisen, Dörfer verwaisen“, ergab mal eine Recherche beim Deutschlandfunk.

Ich will gerade am Frühstückstisch in meine Marmeladensemmel beißen, da lese ich, der demografische Wandel treffe Städte und Gemeinden mit voller Wucht. Das haut rein. Selbst die Milch für den Kaffee macht schon einen säuerlichen Eindruck.

Alt sein muss eine Schande sein, denke ich und wie gut es doch ist, an einem Ort zu leben, wo einem das nicht auf Schritt und Tritt vorgehalten wird. Es sei denn, man wagt sich in die Mega-Zentren der Outdoor-Aktivisten, YouTuber oder Instagram-Influencer. Dort zählt nur das Jungsein in Verbindung mit Schönheit. Alt zu sein gilt in diesen Kreisen als abstoßend. Da hört man schon mal Bemerkungen wie diese: „Du bist wie Montagmorgen. Keiner mag dich!“

Ich habe keine Lust mehr, weiter zu frühstücken. Mir ist der Appetit vergangen. Ich schiebe das gerade angeschnittene Fleischpflanzerl wieder in den Kühlschrank zurück. Heute reichts mir, fürs Erste.

Dann beschäftige ich mich mit Ablenkungstätigkeiten. Sitze am Schreibtisch und formuliere, nur mal zum Spaß, Schlagzeilen für einen Beitrag über die „Generation Rentnerbank“. Ich durchsuche mein Foto-Archiv nach Rentnerbank-Bildern, finde ein halbwegs Geeignetes. Ohne Rentner. Ist mir aus datenschutzrechtlichen Gründen auch lieber so. Selbst wenn man sie nur von hinten fotografiert, könnte man sie ja irgendwie erkennen. An den Karos ihrer sportlichen Wanderhemden, den Trekkingstöcken und lockeren Strohhüten oder den Freundschaftsbändchen am beigestellten Rollator. Deshalb ist das Bild einer menschenleeren Bank mit Aussicht besser für meine Zwecke geeignet. Kommt hinzu, dass ich die Bank mit Blick auf das Zugspitzland selbst fotografiert habe, was urheberrechtlich nicht ohne Relevanz ist.

Jetzt setze ich meine vorher schon planlose Recherchearbeit fort. Beginne mir Notizen zu machen, denke über mein eigenes Altwerden nach.

Inzwischen selber erfolgreicher Aspirant für die Rentnerbank, fordere ich mein Erinnerungsvermögen heraus. Wie war das denn damals, bei mir? Bei den Freunden? Waren die Alten ein so dominantes Thema, wie es bei den Jüngeren heute offenbar ist?

Ja, ich gebe zu, darüber nachgedacht zu haben. Schon viel früher. Als ich aus heutiger Sicht noch jung war. Mit 30 hoffte ich schon auf Mitgefühl im Bekannten- und Freundeskreis, weil ich dachte, jetzt gehts bergab. Du wirst alt. Dabei ging es ab 30 beruflich erst richtig aufwärts. Mir war klar, in welcher Richtung ich mich entwickeln wollte. Rückblickend erinnere ich mich, dass ich in diesen Jahren „auf der Schiene“ sein wollte. Ein Ziel vor Augen, das Erfüllung und Bestimmung in gleicher Weise war.

Dann bin ich irgendwann auch im Ruhestand angekommen. Viele Freunde von mir zeigten ihre Anteilnahme, indem sie mir erzählten, was man als Rentner alles tun könnte, um nicht eines Tages auf der Rentnerbank zu versanden. Mit Gleichaltrigen – oder noch schlimmer – mit wesentlich Älteren über das Gestern zu reden. Das wäre doch so – hörte ich mich dann sagen – als würde ich nur noch auf die Einlasskarte ins Krematorium warten.

Mit Mitte 40 habe ich die Personalabteilung gebeten, mich nach meinem Ausscheiden (mit 65) nicht auf den Seniorenverteiler zu setzen. Damals kannte man den Begriff „Fremdschämen“ noch nicht, aber was ich fühlte, beim Anblick unserer Pensionäre, kam dem damals schon gleich. Sie begegnen einem in der Funkhaus-Kantine. Dort sitzen sie meistens unter sich. Gut gekleidet und wohl genährt. Aber irgendwie gehören sie nicht mehr dazu. Werden belächelt. Stören alle, die offensichtlich noch nach oben wollen.

Der Begriff „Pensionäre“ ist negativ belegt. Jeder kennt Kollegen, die sich schon mit Eintritt ins Unternehmen auf ihren Ruhestand vorbereitet haben. Dann fragt man sich, wie lange die das wohl durchhalten könnten? Ich erinnere mich an einen Kollegen, der ein Weltmeister darin war, ihm auferlegte Arbeiten zu delegieren. Der wurde von allen untergeordneten Kolleginnen und Kollegen geschätzt und teilweise auch verehrt. Alle hatten das Gefühl, der glaubt an mich. Sonst würde er mir doch nicht Führungsaufgaben anvertrauen?

Während sich die anderen instinktiv dynamisch inszenierten, um ihren Chefs und ihren Sekretärinnen zu gefallen, schoben Klügere auf höchstem Niveau eine ruhige Kugel. An einen Kollegen jener Art kann ich mich gut erinnern. Wenn der mal da war, sah er immer aus, wie das blühende Leben. Täglich, bis ca. 15.30 Uhr. Dann ließ er seine ebenso freundliche wie kooperative Sekretärin auf Nachfrage allen ausrichten, „Herr XY ist auf Termin“. In Wahrheit saß er schon entspannt im Regionalzug. Richtung Heimat. Das Fahrrad im Gepäckraum.

Staus auf der Autobahn kannte der immer erfolgreich in sich ruhende Kollege nur aus den Verkehrsmeldungen seiner eigenen Redaktion. Dabei wohl gelegentlich daran denkend, wie gut er doch gehandelt habe, sich nicht auch noch ursächlich an den Staus beteiligt zu haben.

Dieser Kollege war mir schon damals überlegen. In vielen Dingen. Vom Alter her, bezüglich seiner Lebensanschauung und was seine Führungsqualitäten betraf. Er hatte den Helden-Status, ich war – um in Stil der Wilhelminischen Sprache zu verweilen – nur der Hauptfeldwebel.

Dann kam eines Tages die Einladung unserer Programmdirektion zu seiner offiziellen Verabschiedung. Was man da hören musste, ließ einen frösteln. Von oben nach unten, bemühten sich die Bosse, den zu Verabschiedenden in den höchsten Tönen zu loben. Das muss wohl so sein. Zur Personalführung gehört in unserer Wertekultur, dass wir mit Anstand und Respekt Menschen in den Ruhestand entlassen.

Diejenigen, die dabei sichtbar immer ganz weiten hinten standen, wunderten sich und schüttelten gedankenverloren ihre Köpfe, ob des Gehörten.

„Das werde ich mal ganz anders machen“, hörte ich mich in solchen Situationen sagen. Dann erfuhr ich, dass man in unserem Haus in seiner Personalakte vermerken lassen konnte, man wolle auf eine offizielle Verabschiedung beim Ausscheiden aus dem Unternehmen verzichten. Diesen Vorschlag habe ich sehr zügig umgesetzt.

Die Zeit verging, ich dachte nicht mehr an diese Ereignisse. Hielt mich in meiner Freizeit fit, um der Dauerbelastung im Hamsterrad einigermaßen gerecht werden zu können. Die Zeit verging, ich wurde älter. Damit hatte ich nie ernsthaft gerechnet. Geburtstage waren mir in diesem Zusammenhang schon immer ein Graus. Warum muss man sich feiern lassen, nur weil man wieder ein Jahr älter geworden ist?

Am Morgen meines 50. Geburtstag dachte ich, jetzt hast Du schon ein halbes Jahrhundert erreicht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, „ein halbes Jahrhundert“. Spätestens dann fühlt man sich wirklich uralt. In der Sprache junger Leute nur noch „Staub“.

Danach ging es mit mir mächtig bergab. In meinem Leben haben sich schon kurze Zeit später die Dinge ganz anders entwickelt als ursprünglich geplant. Ich wurde von heute auf morgen sehr krank. War nach mehreren Operationen schließlich arbeitsunfähig. Mit der Erwerbsunfähigkeitsrente begann meine unfreiwillige Früh-Rentner-Karriere.

Damit konnte ich anfangs überhaupt nicht umgehen, weil ich zuvor auch nie ernsthaft krank war. Mit einer Einschränkung – als Kind wurden mir mal die Mandeln entfernt, weil von den Geschwistern gerade jemand mit Mandelentzündung im Krankenhaus lag. „Dann haben wir das auch erledigt“, befand Mutter. Sie war sich dessen sicher, dass bei jedem Menschen Mandelentzündungen früher oder später Folgeerkrankungen auslösen würden.

Fünf Jahrzehnte später zeigte sich, dass mir das vorsorgliche Entfernen meiner damals nicht entzündeten Mandeln wenig genützt hat. Die Einzelheiten erspare ich der geneigten Öffentlichkeit. Das ist sehr persönlich. Krankheitsgeschichten haben keinen hohen Unterhaltungswert.

Nach den ersten erfolglosen Jahren, sich mit dem „Ruhestand“ abzufinden, bin ich schon seit einer Weile über den Berg. Ich genieße mein Leben und werde gerne älter. Heute traue ich mich sogar, dass öffentlich zu bekennen.

Das Älterwerden hat viele Vorteile. Ich muss niemanden mehr beeindrucken. Kann mich ganz entspannt den Dingen widmen, die ich mag. Die Pflichten des Alltags stören dabei ein wenig, lassen sich aber teilweise auf andere Schultern verteilen. Wer schon immer gut organisieren konnte, profitiert im Alter davon in beachtlichem Umfang.

Kurz gesagt: ich bin ein zufriedener Mensch. Brauch zum Leben weniger als früher und reise nicht scheinbar rastlos durch die halbe Welt, um derselben zu zeigen, was ich so alles noch ‚drauf habe. Ein kluger Politiker – solche soll es ja in bescheidenem Umfang geben – würde sagen, „ich muss nicht mehr gewählt werden“. Wer in seinem früheren Leben immer gut aussehen musste, wird sich eines Tages erleichtert eingestehen: „Schönheit vergeht, Klugheit kommt.“ Ein wenig Glück wäre in einem solchen Falle nicht schlecht.

Ich habe nie aufgehört, mich in irgendeiner Weise zu beschäftigen. Heute lebe ich endlich so entspannt, wie der weiter vorne zitierte Kollege, der sich jahrzehntelang mit Erfolg im Schongang auf das Älterwerden vorbereiten konnte.

Jeder Tag ist ein Gewinn und das Wort „Langeweile“ gehört nicht zu meinem Wortschatz. Gehörte es nie.

Einen Berater für den Ruhestand brauche ich ebenso wenig, wie die Rentnerbank. Die berühmteste steht, habe ich mir sagen lassen, auf der Nordsee-Insel Norderney. Es passt offenbar gut zur ostfriesischen Mentalität, das Altwerden in aller Öffentlichkeit auf einer prominent-besetzten Rentnerbank zu zelebrieren.

Bei uns in Oberbayern, sieht man das eher gelassener. Wer hier am Tage auf der Bank sitzt, gilt als Zeitverbrenner. Irgendetwas tun die Menschen hier immer. Entweder sanieren sie ihre Häuser, putzen die Mülltonnen, mähen ihre Weiden, reparieren an Zäunen und auf Dächern die Winterschäden oder legen Wandersteige im Gebirge an. Immer unter der Voraussetzung, dass schon für den nächsten Winter genügend Brennholz daheim eingelagert wurde.

Da kann ich leider nicht mithalten, weil ich handwerklich ein Ungustl bin. Ich mache es auf meine Weise. Verzichte auf mein Frühstück und schreibe Bauchgeschichten. Heute über die „Generation Rentnerbank“. Der Segler würde sagen, „immer hart am Wind“. Für mich passender wäre „wer schreibt, der bleibt“.

Wenn Sie in der Lektüre bis hierhin durchgehalten haben, sage ich ein herzliches Dankeschön für Ihre Zeit!

...danke für's WeitersagenTwitterFacebookPinterestWhatsAppEmail
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