• suchen
Knut KuckelJournalist
Lautsprecher, Sprache im öffentlichen Raum. Grafik: Knut Kuckel

Sprache entlarvt – „Wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind“

Medien und Journalisten berichten immer häufiger vom „Schlachtfeld der Sprache“ und haben damit Einfluss auf die Zunahme der Empfindlichkeiten.

Es wird Zeit, dass sich die Gesellschaft mit der Verrohung der Sprache öffentlich auseinandersetzt.

Sprache im öffentlichen Raum macht einen nicht selten sprachlos. Einfalt, statt Vielfalt scheint das Gebot der Stunde zur sein. Je lauter, desto schlimmer.

Wer trägt dafür die Verantwortung? Journalisten? Das Internet? Die Politik? Die Sozialen Medien? – Die Antwort ist einfach und mit einem Wort darstellbar: Alle.

Wir alle gestalten Sprache. Im Alltag und darüber hinaus. Der Umgang mit Sprache ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Wie wir sprachlich miteinander umgehen, entscheidet, ob unsere vielzitierte Wertekultur noch eine Grundlage hat.

Dabei haben Medien eine große Verantwortung. Journalismus soll kritisch hinterfragen und vermitteln. In einer funktionierenden Demokratie von zentraler Bedeutung.

Journalismus verwendet Sprache, um Informationen in Medien zu kommunizieren.

„Die Medien spiegeln Politik, statt sich als eine neutrale vermittelnde und hinterfragende Instanz zu sehen.“ , sagt Journalismusforscher Prof. Dr. Michael Haller von der Hamburg Media School.

„Wenn wir uns über die Wirklichkeit unterhalten, ist Sprache grundlegend“, meint die Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache. Die Wahl der Wort sei ausschlaggebend in Debatten. In der Flüchtlingsdebatte spielten die Medien eine nicht zu unterschätzende Rolle. Beispielsweise wenn von „Flüchtlingsflut“ oder „Flüchtlingswelle“ die Rede sei.

„Wenn wir das Wort Flut hören, dann denken wir an eine große Gefahr, die auf uns zurollt. Das erzeugt Angst, wenn auch vielleicht nur im Unterbewusstsein, und ist damit ein Beispiel für einen Ausdruck, der die Wirklichkeit prägt.“ Heidrun Kämpfer plädiert dafür, die Verwendung des Wortes „Flüchtling“ zu hinterfragen. Denn, so Kämper, „Wörter mit der Endung -ling, wie Schädling, Sträfling, Feigling rufen vor allem negative Assoziationen hervor.”

Mit der vermeintlichen „Sorge vor Überfremdung“ oder dem sogenannten „Flüchtlingsstrom“: In der Flüchtlingspolitik übernehmen Medien in oberflächlicher Weise kritische Begriffe von Populisten – das ist gefährlich.

Stichwort Willkommenkultur: „Flüchtlinge“ wurde 2015 von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres gewählt – und steht damit in einer Reihe mit Wörtern wie „Hartz IV“ oder „Fanmeile“.

„Flüchtlingsansturm“, „Gutmensch“, „Überfremdung“. Nur drei der Begriffe, die Sebastian Pertsch vom Webprojekt Floskelwolke.de erfasst hat. Pertsch untersucht die Rechte Sprache in den Medien und hat herausgefunden, dass sie nicht nur in rechtsextremen Publikationen vorkommt, sondern in mehr als 2000 Medien unterschiedlichster Schattierungen.

Kritische Begriffe sind längst in den Nachrichten der Leitmedien angekommen. Caroline Ebner beschreibt in ihrem Beitrag „Rechte Sprache in den Medien“ im NDR-Medienmagazin ZAPP, dass sie wie selbstverständlich auch von etablierten Nachrichten verwendet werden. Die Autorin belegt das mit Beispielen aus den n-tv-Nachrichten, der ARD-Tagesschau oder aus ZDF-heute.

„Die Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf!“ – Satiriker und Zeitkritiker hielten sich fortan an die Kurt Tucholskys Empfehlung aus dem Jahr 1929. Politiker und andere Menschen des öffentlichen Lebens bedauerlicherweise auch. Heute mehr denn je.

Auf dem „Schlachtfeld Sprache“ wird ausgegrenzt, vorverurteilt und stigmatisiert.

„Wie wir sprechen, entscheidet darüber, wer wir sind – auch und gerade in der Politik.“ Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) schreibt in seinem klugen Buch¹ „Wer wir sein könnten“, Sprache schaffe Wirklichkeit und damit die Welt. Das sei grundsätzlich so und gelte erst recht für die aktuelle politische Debatte in Deutschland, „die in den letzten Monaten von Sprachverrohung und Stigmatisierung geprägt war.“

In diesem Sommer habe man in Chemnitz sehen können, was passiert, wenn sprachliche Verrohung Wirklichkeit wird. Aus „politischer Jagd wurde Jagd auf Menschen“, schreibt Habeck. „Wenn der Rechtsstaat sein Gewaltmonopol nicht mehr durchsetzen kann, dafür sich aber rohe Gewalt auf der Straße durchsetzt.“

Sprache entwickelt sich. Ja. Nur in welche Richtung? Bis hin zur Verarmung? In diesen aufgeregten Zeiten sorgen in der Politik Populisten, Autokraten und andere Menschen mit vergleichbaren Charakterzügen für grenzenlose Tabuverletzungen der Sprache.

Sprache entlarvt, macht sprechende Menschen groß und klein. Sprechen wir beispielsweise vom „Trump-Effekt“. Er bewirkt, dass Sprache scheinbar große Machtemenschen ganz klein aussehen lässt.

Robert Habeck sagt: „Es ist nicht schwer, zynisch, populistisch und verbittert zu sein, nicht schwer zu sagen, was nicht geht, nicht schwer, andere schlecht-zumachen. Trauen wir uns dagegen, offen zu bleiben, angreifbar zu sein und optimistisch.“

Die wahre Herausforderung sei „Zuversicht“.

Quellenhinweise:

¹) Robert Habeck, Wer wir sein könnten, Warum unsere Demokratie eine offene und vielfältige Sprache braucht, Kiepenheuer & Witsch, 2018

Von
Knut Kuckel

Meine persönlichen Blogs:
Journalismusblog.de - Journalismus, Medien, Meinung.
→ #tirolbayern - Grenzgänger und Gipfelstürmer
KnutKuckel - Beiträge zum kritischen und konstruktiven Journalismus und damit auch zur Mediendebatte.

Alle Beiträge
Kommentieren

Von Knut Kuckel
Knut Kuckel