Essay zur Flüchtlingspolitik – Heribert Prantl „Im Namen der Menschlichkeit“, Infografik: Journalisten-bloggen.de
Essay zur Flüchtlingspolitik – Heribert Prantl „Im Namen der Menschlichkeit“, Infografik: Journalisten-bloggen.de

Essay zur Flüchtlingspolitik – Heribert Prantl „Im Namen der Menschlichkeit“

234″Menschen fliehen, weil in ihrer Heimat die Hölle los ist. Und Europa schützt seine Grenzen, aber nicht die Flüchtlinge“, schreibt Heribert Prantl . Der Journalist plädiert für einen Stopp der menschenverachtenden Flüchtlingspolitik der EU. „Europa darf keine Festung sein!“ fordert Heribert Prantl in seinem Essay „Im Namen der Menschlichkeit – rettet die Flüchtlinge“.

„Wie wir seit 25 Jahren mit den Flüchtlingen umgehen, ist der größte Skandal, den ich kenne“, so Prantl in einem Interview mit 3Sat. Das war Ende Mai.

Die Abwehr von Flüchtlingen, so Prantl, war jahrelang der einzig funktionierende Teil der EU-Flüchtlingspolitik. Gemeinsames Ziel: dass möglichst wenige Menschen Europa erreichen. Prantl bringt auf 32 Seiten vieles auf den Punkt.

Die Streitschrift erschien im Frühjahr dieses Jahres, gewann aber seither Monat für Monat an Aktualität. „Europa darf keine Festung sein!“ – Wer Heribert Prantls Appell für mehr Menschlichkeit noch nicht lesen konnte, sollte das nachholen.

„Es ist Zeit, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu beenden.“

Denn was er schreibt, war nie wichtiger als in diesen Wochen. Kopflos, hysterisch, angstgesteuert zeigen sich Europas Politiker in diesen Tagen. Lassen sich vom rechten Mob treiben, denn eine Politik zugunsten der Flüchtlinge bringt keine Wählerstimmen. So viel zur Werte-Debatte Europas.

„Die Festung Europa wird heute nicht mehr geleugnet, sie wird verteidigt“, so Prantl. Die EU-Politik versuche noch immer Europa, jenen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, mit Stacheldraht und Paragrafen abzuschirmen.

„Wer an schiffbrüchigen Flüchtlingen vorbeifährt und sie ersaufen lässt, ist ein Unmensch. Der Mensch aber, der sie aus dem Meer fischt und an Land bringt, wird als Straftäter verhaftet.“

Mit Blick auf das viel zitierte EU-Abkommen „Dublin II“ schreibt der Autor „Dieses geltende EU-Recht ist ein Elend, es ist ein elendes Recht für die Elenden.“ Das Dublin-System bestrafe den Staat, der sich bei der Flüchtlingsabwehr nicht abwehrend genug benehme. „Es ist ein schweinisches System, ein Aufruf zu möglichst brutaler Flüchtlingsabwehr.“

„Die Europäische Union tötet durch Unterlassen“, so Prantl. Dabei hätte sie „die Mittel und die Möglichkeiten, die Flüchtlinge zu retten, die zum Beispiel, der Hölle in Syrien und Libyen entkommen sind; aber man lässt sie ertrinken. Ihr Tod wird hingenommen, er wird in Kauf genommen.“

Heribert Prantl erinnert an den Schweizer Journalisten und Juristen Beat Leuthardt, der schon 1994 ein Handbuch „Festung Europa“ publizierte. Leuthardt war 1999 „An den Rändern Europas“ und habe in seinen „Berichten von den Grenzen“ geschrieben, „von den Schicksalen derer, die auf dem Weg in den goldenen Westen erfroren, erstickt oder ertrunken sind. Damals war das Buch eine Sensation und eine Provokation, heute ist das Nachrichtenalltag.“

„Europa braucht keine Abwehrkommissare und keine Abwehrminister. Europa braucht Einwanderungsminister und Einwanderungsbürgermeister.“

Heribert Prantl hat ein leidenschaftliches Plädoyer geschrieben. Gegen die Abschottung Europas und für ein radikales Umdenken in der Flüchtlings- und Einwanderungspolitik.

Der Autor: Heribert Prantl, Jahrgang 1953, hat Rechtswissenschaften, Geschichte und Philosophie studiert. Seit 1995 leitet er das Ressort Innenpolitik der „Süddeutschen Zeitung“ und seit 2011 ist er dort Mitglied der Chefredaktion. Die Flüchtlingspolitik gehört seit jeher zu seinen großen Themen; er ist Autor zahlreicher Leitartikel und Kommentare, Prantl hat auch mehrere politische Bücher verfasst; dafür wurde er unter anderem mit dem Geschwister-Scholl- und mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet.

Heribert Prantl, „Im Namen der Menschlichkeit – Rettet die Flüchtlinge!“, Ullstein, Streitschrift

Quelle: → Media @journalistblog

Knut Kuckel

Journalist + Online-Publizist. Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestfunk (SWF), Baden-Baden, heute Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk.
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