Blog Journalismus Journalisten Medien Politik Pressefreiheit

Lutz Mükke: Korrespondenten im Kalten Krieg – “Schere im Kopf”

Lutz Mükke, Korrespondenten im Kalten Krieg, Halem-Verlag, Foto: MediaNews.Blog

Welche Rollen spielen die Medien in der öffentlichen Debatte? Verschärfen Sie den Konflikt? Seit November 2014 liegt uns ein Buch von Lutz Mükke vor, dass die Rolle der „Korrespondenten im Kalten Krieg“ reflektiert. Untertitel „Zwischen Propaganda und Selbstbehauptung.“

Wer der Ukraine den Frieden wünscht, muss seit dem Auftritt des russischen Außenministers Lawrow bei der Münchner Sicherheitskonferenz desillusioniert sein. „Als habe der Kalte Krieg nur Pause gemacht“, titelt Daniel Brössler seinen Artikel in der der Süddeutschen. Lawrow warf den USA und der EU vor, den Konflikt in der Ukraine anzuheizen. Europa vermittelt, die Großmächte streiten. 

Welche Rollen spielen die Medien in der öffentlichen Debatte?  Verschärfen Sie den Konflikt? Seit November 2014 liegt uns ein Buch von Lutz Mükke vor, dass die Rolle der „Korrespondenten im Kalten Krieg“ reflektiert. Untertitel „Zwischen Propaganda und Selbstbehauptung.“

Journalisten und Medienschaffenden ist dieses Buch heute als Lektüre zu empfehlen. Das erscheint vor den aktuellen Geschehnissen wichtiger denn je. In die Krisen- und Kriegsberichterstattung waren und sind Medien aller Lager in Propaganda- und Manipulationsstrategien eingebunden. Dafür ließen sich schon immer Ideologen und „Kalte Krieger“ gewinnen.

Heute arbeitet die Propaganda-Maschinerie wieder. Wie seinerzeit, zwischen 1947 und 1989 die Militärblöcke NATO und Warschauer Pakt. Da standen sich die Gesellschaftsideologien des Kapitalismus und des Sozialismus bzw. Kommunismus gegenüber. Die Kalten Krieger waren Heerscharen von Politikern, Diplomaten, Geheimdienstlern, Militärs und Medienmacher.

„Korrespondenten im Kalten Krieg“, von Lutz Mükke. Der Autor und Herausgeber des im Herbert von Halem Verlag erschienenen Buches (November 204) war selbst Reporter in Kriegsgebieten wie Afghanistan, Südsudan, DR Kongo und Somalia. Heute ist er Wissenschaftlicher Direktor des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung in Leipzig. Seit 2010 auch Herausgeber von Message, dem Journalismus-Magazin.

Mükke lässt in seinem Buch 16 Auslandskorrespondenten aus Ost  und West über ihre Arbeit unter den Bedingungen des Kalten Krieges erzählen. Darunter Klaus Bednarz, (ARD), Horst Schäfer, Ulrich Kienzle (ARD), Manfred von Conta (Stern und Süddeutsche Zeitung), Lothar Loewe (ARD), Klaus Steiniger(Rundfunk der DDR/ARD) oder Reiner Oschmann (Neues Deutschland). Alle Befragten haben für ost- oder westdeutsche Medien gearbeitet.

Für den ADN, die ARD, das Handelsblatt, den Horizont, das Neue Deutschland, für den Rundfunk und das Fernsehen der DDR, für den Spiegel, den Stern, die Süddeutsche Zeitung, die Wochenpost, das ZDF und andere Medienhäuser.

Lothar Loewe († 2010) erlangte Berühmtheit durch seinen Rauswurf aus der DDR. Loewe war Korrespondent für die ARD in Washington, Moskau und Ostberlin. 1976 wies die DDR-Führung den akkreditierten Korrespondenten aus, weil er den Schießbefehl der DDR-Grenztruppen in der Tagesschau kritisierte. Loewe sagte wortwörtlich: „Hier in der DDR weiß jedes Kind, dass die Grenztruppen den strikten Befehl haben, auf Menschen wie auf Hasen zu schießen.“

Am 22. Dezember 1976 hatte die DDR-Führung Loewe im DDR-Außenministerium mitteilen lassen, dass ihm mit sofortiger Wirkung die Akkreditierung entzogen sei. Der ARD-Mann habe längst auf der „Abschussliste“ gestanden, sagte Rolf Muth, von der damals zuständigen Abteilung »Journalistische Beziehungen« im DDR-Außenministerium.

Wer in den Zeiten des Kalten Krieges jenseits des »Eisernen Vorhangs« arbeitete, hatte häufig „die Schere im Kopf“. Lothar Loewe sagte, er sei als Korrespondent in Washington und Moskau gewesen. „Das war ein Unterschied wie Tag und Nacht. In Washington hatten wir die absolute Freiheit und niemand behinderte unsere Berichterstattung. In Moskau wurden wir so lange zensiert, bis wir uns eine Selbstzensur angewöhnten. Denn wenn denen etwas nicht gefiel, stellten sie einfach unsere Leitung ab.“

Der intellektuelle DDR-Journalist Ralf Bachmann war fünf Jahre lang ADN-Korrespondent in Bonn. Politisch fühlte er sich der DDR lange verpflichtet. „Wenn mich heute jemand fragt: »Hast Du denn nichts gemerkt?«, sage ich: »Natürlich habe ich gemerkt, was alles stinkt«. Aber ich war immer der Überzeugung, man müsste innerhalb der DDR etwas verändern. Dass das gar nicht ging und eine lebensfremde Vorstellung war, war mir damals nicht klar.“

Warum Ralf Bachmann 1987 vom ADN wieder nach Berlin gerufen wurde, kann er sich nicht erklären. „Honecker, Mielke und noch jemand von der Staatssicherheit hatten von einem Überläufer gehört. Offensichtlich war ich der Hauptverdächtige. Einer der Hintergründe waren wohl meine engen Beziehungen zu manchen SPD-Politikern. Als Begründung für meine Abberufung zitierte mein Chef die gerdezu klassische Formulierung: »Im Interesse der Sicherheit Bachmanns und der Sicherheit der Republik.«“

Beim ADN habe man gerne Berichte über politische Krisen in der Bundesrepublik Deutschland gelesen. „Zum Beispiel über den großen Korruptionsskandal 1984 in der Spitze der CDU um Rainer Barzel. Meine Überschrift dazu war »Es ist etwas faul im Staate Bundesrepublik.« Honecker verschärfte den Titel in „Es ist mehr als nur etwas faul im Staate Bundesrepublik.“ Es wurden – so Bachmann – auch „Sachen behauptet, die ich nicht geschrieben hatte.“

Erwünscht waren stets provokante Äußerungen aus den Vertriebenenverbände, Arbeitslosenschicksale, Arbeitskämpfe, soziale Probleme in Regionen wie dem Ruhrgebiet und Ostfriesland und Kriminalität.“

Lutz Mükke erzählt von einem Interviewtermin mit einem Ostkorrespondenten 2005 in Melville. Das Interview lief seltsam. Die Antworten Plattitüden, hier und da eine Anekdote. Im Anschluss fühlte er sich über den Tisch gezogen und wunderte sich, warum der Befragte dieses Versteckspiel mit ihm gespielt hatte. Die Suche nach der Antwort führte ihn für fast ein Jahrzehnt in Archive, Behörden, Bibliotheken, Seminare, auf Veranstaltungen und ins Internet. Es folgten etwa 60 weitere Interviews und irgendwann kristallisierte sich das Thema seiner Recherchen heraus: Korrespondenten im Kalten Krieg.

Die Fragen für das vorliegende Buch stellten Studierende bzw. wissenschaftliche Assistenten des Fachbereiches Journalistik der Universität Leipzig. Eingeteilt in Arbeitsgruppen sollten sie möglichst jeweils einen Korrespondenten aus dem Osten und einen aus dem Westen, die zur gleichen Zeit für ein Gebiet zuständig waren, interviewen. Die 17 veröffentlichten Interviews im Buch stellen nur einen Bruchteil des im Rahmen des Projektes gesammelten Materials dar.

Lutz Mükke: „Ihre Fragen tangieren eine Vielzahl von Aspekten. Zur Inneren und Äußeren Pressefreiheit, zur Gängelung durch Redaktionen, zu Tabuthemen, zur Propaganda und zur Geheimdienstarbeit.“ Das Buch spricht auch die Zeit nach der Wende an.

Dietmar Schumann war zu dieser Zeit in Budapest, erlebte die Wende aus ungarischer Sicht. In der SED gab es zwei Fraktionen, die Bewahrer und die Perestroika-Freunde. Er selbst wollte den Sozialismus, aber keine Parteioligarchie. Bis zum letzten Tag hat er beim DDR-Fernsehen gearbeitet, nach der Wende gelang ihm nahtlos der Wechsel zum ZDF. “Ich war immer offen damit.”

Für die DDR-Korrespondenten war Journalismus politisch-ideologisch geprägt. „Im Kampf gegen die andere Seite“, so Mükke. „Gegen den Kapitalismus und für den Sozialismus. Sie agierten in einer Doppelrolle, die sie selbst oft gar nicht als eine solche empfanden. Als Journalisten und als weisungsgebundene Staatsangestellte im Dienste der Deutschen Demokratischen Republik.“

Manche von ihnen wechselten die Seiten. Viele waren es nicht. „Es dürften höchstens ein Dutzend DDR-Korrespondenten gewesen sein.“ Mükke schließt daraus, dass die meisten DDR-Korrespondenten von einer „starke Familienbindung und Systemtreue“ geprägt waren. „Ledig oder homosexuell zu sein war von Nachteil.“

“Das ist ein sehr wichtiges Buch”, so Dietmar Schumann. Korrespondenten aus Ost und West hätten sich zum ersten Mal ihre Biografien erzählt. Er selbst sei durch die Fragen in seine eigene Vergangenheit gereist, das läge ja alles auch schon 30 bis 40 Jahre zurück. Schon als Schüler zur Presse gekommen, schrieb er Artikel für diverse Jugendmagazine der DDR und konnte sich über eine Reihe von veröffentlichten Stücken freuen.

Klaus Bednarz und Dietmar Schumann waren beide ab 1977 in Moskau. Ohne Genehmigung durfte die Stadt über die 40-Kilometer-Grenze hinaus allerdings nicht verlassen werden. Umgehen ließ sich diese Reglementierung zum Beispiel mithilfe russischer Freunde, in deren Privatwägen konnten die Kontrollen der Miliz meist problemlos passiert werden.

Wie war das Miteinander von Ost- und Westkorrespondenten vor Ort? Vorurteile gab es auf beiden Seiten. Klaus Bednarz hatte zuweilen das Gefühl, er “stünde einer Betonmauer gegenüber”. Dietmar Schumann habe ihn eigentlich als Einziger gegrüßt. Trotz Anfragen fand kein Austausch von Materialien zwischen Ost- und Weststudios statt.

Reiner Oschmann schrieb für das Neue Deutschland. Unter anderem vier Jahre als Korrespondent in London.Ab 1992 war Oschmann Chefredakteur beim Neuen Deutschland, Ab 1999 Pressesprecher der PDS-Bundestagsfraktion. Zitat Oschmann: „Auch der Westen steht heute mehr denn je vor der uralten Frage, die schon Kant, Hegel und Goethe beschäftigte: »Wie bringt eine Gesellschaft Freiheit und Gerechtigkeit zusammen?« – Trotz neuer Dringlichkeit dieser Frage: Mauer und Cordhütchen-Sozialismus der DDR habe ich mir deshalb nie zurückgewünscht.“

Die Interviewer waren: Dominik Barth, Frank Dersch, Markus Fischer, Irene Habich, Michael Hartlep, Anika Heber, Peter Hild, Martin Hoffmann, Björn Lenz, Jakob Maschke, Lutz Mükke, Ulrike Nimz, Johannes Pöhlandt, Marcel Ruge, Ulrike Sauer, Sarah Termeer, Theresa Tropper, Stefanie Ullmann und Maria Wiesner.

Politische Journalisten ist die Lektüre dieses Buches in jedem Fall zu empfehlen. Das sich frühere Ost- und Westkorrespondenten über ihre Arbeit im „Kalten Krieg“ äußern, gab es in dieser oder ähnlicher Form nämlich nie zuvor. Mancher Korrespondent schrieb seine eigenen Bücher über das Erlebte dieser Zeit. Wikipedia oder die Deutsche National Bibliothek veröffentlichen dazu Literaturverzeichnisse. Weiterführend sind die Literatur-Rezensionen von perlentaucher.de zum Stichwort „Kalter Krieg„. Twitter-Seite von perlentaucher.de: @perlentaucher00.

Der »letzte Welterklärer« (Spiegel) Peter Scholl-Latour († 16. August 2014) warnte vor einem neuen Kalten Krieg und veröffentlichte dazu im Herbst 2009 das Buch »Der Weg in den neuen Kalten Krieg« (Ullstein Verlag). Scholl-Latour: „Nach dem Ende des Kalten Krieges trat der Westen als Sieger der Geschichte auf“. Frühzeitig hat Peter Scholl-Latour vor der Isolation Russlands, der Explosivität des Nahen Ostens und der Herausforderung durch China gewarnt. Auch dieKonflikte im Kaukasus, in Pakistan oder im Iran hat er vorausgesehen. (s. auch Quer-Denken-TV, Prof. Dr. Peter Scholl-Latour im Gespräch mit Michael Friedrich Vogt über die Gefahr eines neuen Kalten Krieges, 16.08.2014).

Quellen: Lutz Mükke, Korrespondenten im Kalten Krieg, Zwischen Propaganda und Selbstbehauptung, Herbert von Halem Verlag, www.halem-verlag.de.

Beitragsfoto: Lothar Loewe vor der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ostberlin, fotografiert vom Staatssicherheitsdienst der DDR, Buchumschlag „Korrespondenten im Kalten Krieg, Lutz Mükke, Herbert von Halem Verlag

Aus: MediaNews.Blog

Der Autor

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
Follow @KnutKuckel

Kommentieren