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Die Zeitung – „Ein Nachruf“ von Michael Fleischhacker

Michael Fleischhacker: "Die Zeitung ist tot" - Nachruf auf die gedruckte Zeitung, Foto: ORF/MediaNews.Blog

Wen wundert’s wenn das Buch des Kollegen Michael Fleischhacker vor allem von und in den Zeitungen heftig diskutiert wird? Bei dem Titel? – „Die Zeitung. Ein Nachruf“.

„Der ist bewusst provokativ, das stimmt, vor allem die Aufmachung als Todesanzeige“, sagte der Autor bei der Buch-Präsentation am Abend in der Wiener Nationalbibliothek. „Manche Medien haben mit dem Buch schon einen Skandal gewittert, aber der bleibt aus.

Anlass für das Buch sei das „Aus“ vieler Zeitungen in der vergangenen Zeit gewesen. In Deutschland sei in den letzten zehn Jahren die Gesamtauflage um 25 Prozent gesunken, in Österreich wurde zuletzt die Kärntner Tageszeitung eingestellt. Heute lesen wir, dass die Münchener „Abendzeitung“ Insolvenz angemeldet hat. Michael Fleischhacker hat das Zeitungssterben hochgerechnet und kommt zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2034 die letzte Tageszeitung ihre Druckmaschinen abstellen könnte. Rein statistisch. In zwei Jahrzehnten wird man keine Zeitungsleser mehr in den Wiener Kaffeehäusern sehen. Falls der Autor mit seiner Hochrechnung recht behält.

Michael Fleischhacker: „Das „Produkt Zeitung“ mag sterben. Das „Prinzip Zeitung“ jedoch wird die Krise überleben, weil das „Prinzip Journalismus“ das ewige Leben hat.“  → Vorabdruck von Michael Fleischhackers Buch „Die Zeitung“, Spectrum, 15. Februar 2014

„Die Zeitung lebt und ist sehr lebendig“, war von der „Standard“-Online-Verlagsleiterin Gerlinde Hinterleitner während der Buch-Präsentation in Wien zu hören. „Zuhören ist gefordert“, meinte sie im Hinblick auf die User. Hinterleitner: „Ich bin überzeugt, dass das Mitmachen der Leser und User bei dem tagtäglichen Verarbeiten dessen, was passiert, extrem wichtig ist, weil die Leute das wollen.“ Medienmacher müssten mehr experimentieren und ausprobieren, auch bei der Frage nach möglichen Geschäftsmodellen.

Kurz tauchte in der Diskussion, die vom jetzigen „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak geleitet wurde, auch das Thema anonymer Foren auf, wobei Fleischhacker diesbezüglich von „digitaler Psychiatrie“ sprach. Von Hinterleitner auf die Notwendigkeit, mit den Usern auf Augenhöhe zu diskutieren, hingewiesen, erwiderte er: „Wie soll ich mit jemandem auf Augenhöhe diskutieren, wenn ich nicht weiß, wo der Kopf ist?“

Das fängt doch gut an, schreibt Harald Fidler in seiner Rezension für den Standard:  „Es gibt Gründe, an eine Renaissance der Offline-Medien zu glauben – in erster Linie an die Tageszeitung, die zur informatorischen Grundausstattung unserer Gesellschaft gehört. Während der Rundfunk zum internetabhängigen Digitalmedium mutiert, bleibt die Tageszeitung ein in sich geschlossenes Produkt, selbst wenn sie eines Tages ausschließlich als eine App verbreitet werden sollte.“

„Das Geschäftsmodell Tageszeitung ist tot“, schreibt Fleischhacker. „Wenn die Einnahmen aus dem Verkauf einer Zeitung sich denen aus den Anzeigen nähern, wenn sie die gar übertreffen, dann ist die Zeitung, wie wir sie kannten, am Ende.“ Fleischhacker war zuletzt Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“. In seinem Buch „Die Zeitung – Ein Nachruf“ sucht er nach Lösungen, die Herausgabe von Zeitungen wirtschaftlich zu gestalten. Noch lebt „Die Zeitung“, so Fleischhacker: „Was mich aktuell am meisten interessiert, ist die Frage, wie Bezahlmodelle für Qualitätsjournalismus im Netz ausschauen.“ Um es vorweg zu nehmen, den Stein der Weisen findet der Autor im Buch noch nicht, sucht aber weiter nach Lösungsmodellen, damit die „Idee der Zeitung“ Überlebenschancen hat.

Im Gespräch mit Arno Widmann von der Berliner Zeitung sagte Michael Fleischhacker: „Um aus dem unausrottbaren‚ Prinzip Journalismus‘ erfolgreiche Produkte für die digitale Gegenwart und Zukunft abzuleiten, bedarf es einer Haltungsänderung bei Verlegern und Journalisten: Es geht nicht darum, dem Publikum zu erklären, warum das, was sie bisher gemacht haben, für sie unverzichtbar ist. Es geht darum, für das Publikum unverzichtbar zu werden.“

Im Buch findet man auch die legendäre Titelseite der britischen Wochenzeitschrift „Economist“ vom 24. August 2006: „Who killed the Newspaper?“ Man könnte darin einen Trost finden und zum Beispiel sagen: „Totgesagte leben länger“ – so Fleischhacker. „Niemand sollte sich über den Niedergang der einstmals großen Titel freuen“, hieß es 2006 im Leitartikel jener „Economist“-Ausgabe. „Aber der Niedergang der Zeitungen wird für die Gesellschaft nicht so schädlich sein, wie manche glauben.

Es ist jetzt nicht mehr vom Tod der Zeitung die Rede. Man spricht davon, dass es sich um einen Konsolidierungsprozess handele. Es werde noch mehr Konzentration geben, möglicherweise werde die gedruckte Zeitung stärker „orientieren“ müssen als informieren?

Eine brandaktuelle Paid-Content-Studie gießt Wasser in den Wein und mahnt: „Gute Inhalte reichen nicht aus“. Dazu Christian Meier in Meedia: „Ob Nutzer für digitale Inhalte zahlen oder nicht, hängt nicht allein von den angebotenen Inhalten ab. Entscheidend ist auch die Positionierung der jeweiligen Plattformen, auf denen die Inhalte angeboten werden. Dies ist der Kern einer aktuellen Studie der Beratungsagentur Bulletproof Media.“

Affinitäten, also positive Einstellungen der Nutzer gegenüber Plattformen, können nicht durch kostenlose Angebote “erzwungen” werden. Darum führen auch Gratisangebote nicht per se dazu, dass aus Kostenlos-Kunden Bezahl-Kunden werden. Und: “User, die kostenpflichtige Angebote nutzen, waren nach Abschluss der Nutzung deutlich zufriedener als die User, die kostenfreie Angebote nutzen.” Die komplette Studie kann bei Bulletproof kostenpflichtig bestellt werden.

Ende des vergangenen Jahres schrieb Hans-Peter Siebenhaar im Handelsblatt: „Wie Tibetaner im Himalaya stoisch ihre Glaubensverse fromm zu den Gebetsmühlen aufsagen, sind Journalisten landauf, landab beschäftigt, das eigene Medium in den Tod zu reden und zu schreiben. Keine andere Wirtschaftsbranche schafft es, mit einer solchen Inbrunst das Produkt zu beschädigen, wie die Medienbranche selbst.“

„Medienkommissar“ Hans-Peter Siebenhaar traf Michael Fleischhacker Anfang Dezember 2013 bei einem Kongress in Lech am Arlberg. Dort verkündete Fleischhacker vor Journalisten, Wissenschaftlern und Politikern schon sein Untergangsszenario der Zeitungen. Die in 1-tausend-444-Meter über Null gehörte Prophezeiung konkretisierte Kollege Siebenhaar: „Das Internet ist längst volljährig. Seit mehr als 20 Jahren verändert die Digitalisierung die Wirtschaft fundamental – egal ob den Finanzsektor, die Telekommunikation, die Autobranche und natürlich auch die Medienbranche. Plötzlich funktionieren nicht mehr alte Geschäftsmodelle. Sie müssen den neuen Marktgegebenheiten angepasst werden. Andere Geschäfte müssen ausprobiert und perfektioniert sowie neue Allianzen geschmiedet werden. Eine Konsolidierung schafft neue Marktbedingungen. Das ist in der Printbranche nicht anders als im Maschinenbau.“

Medienunternehmen auf der ganzen Welt spüren heute die Auswirkungen der digitalen Medientechnologie auf ihre Geschäftsmodelle. Die klassischen Medien verlieren ihre Rolle als „Gatekeeper“ im globalen Informationsstrom – verlieren sie damit auch die Möglichkeit, ihrer tatsächlichen oder eingebildeten Rolle als „Vierte Gewalt“ im Staate neben Legislative, Exekutive und Judikative gerecht zu werden?

Fragen, die sich anbieten, wenn vom scheinbar unvermeidlichen Niedergang der Zeitungen die Rede ist. – Fleischhacker dazu im Interview mit APA-Journalist Johannes Bruckenberger: „Ja, aber mich stört das nicht so, weil ich an diesem Konzept ohnehin große Zweifel habe und es für eine historische Fiktion halte, die im wesentlichen ein Nachkriegsphänomen ist. Es hat sich bei uns die Vorstellung festgekrallt, dass es sowas wie ein inneres Prinzip von Medien sei, ein konstitutiver Teil der demokratischen Gesellschaft zu sein. Historisch lässt sich das aber überhaupt nicht belegen.“

Markus Mair ist seit Herbst 2013 Eigentümer der österreichischen »Kleine Zeitung« und »Presse«. Er glaubt nicht an den Tod der Zeitung. Auf die Frage, ob Fleischhackers Nachruf auf die Zeitung seine Zustimmung finde, sagte er: „Ohne es gelesen zu haben: Der Titel findet nicht meine Zustimmung. Es ist zu einfach zu sagen, die Zeitung sei tot. Das ist so wie die Aussage: Wien ist langweilig, und Berlin ist hip. Ich sehe dieses Buch eher als Stilmittel, plakativ aufzuzeigen. Aber es ist keine ernst zu nehmende Aussage, aus der man eine konkrete Strategie für ein Medienhaus ableiten kann.“

Das Buch „Die Zeitung. Ein Nachruf“ von Michael Fleischhauer basiert offensichtlich auf der Überzeugung, dass es keine Zukunft ohne Herkunft gibt. Die Zeitung als Produkt, das täglich auf Papier gedruckt und verteilt wird, die sogenannte „Kauf-Tageszeitung“, verzeichnet tatsächlich einen Niedergang. Aber vielleicht wird die „Idee der Zeitung“ überleben? Unabhängig vom Medium bleibt zu hoffen, dass der professionelle Journalismus unverzichtbar bleibt.

Der Autor

Michael Fleischhacker (@mfleischhacker1), geb. 1969, ist Journalist, bis Oktober 2012 war er Chefredakteur der Tageszeitung „Die Presse“, zuvor hatte er in den Redaktionen des „Standard“ und der „Kleinen Zeitung“ ­gearbeitet. Zu seinen Publikationen zählen u.a. ­“Politikerbeschimpfung“. Das Ende der 2. Republik (2008), dabei ging es u.a. um die Große Koalition unter Alfred Gusenbauer in Österreich.

Quellen:

DiePresse.com, Lebhafte „Trauerfeier“ für die Zeitung, 05.03.2014, APA

DiePresse.com, Das kleine Ich und die Welt, von Michael Fleischhacker, Das „Produkt Zeitung“ mag sterben. Das „Prinzip Zeitung“ jedoch wird die Krise überleben, weil das „Prinzip Journalismus“ das ewige Leben hat.14.02.2014

Handelsblatt.com, Hans-Peter Siebenhaar, Medien-Kommissar, Die unerträgliche Leichtigkeit des medialen Blödsinns, Die Zeitung ist tot, predigen die Apologeten des medialen Untergangs auf unzähligen Kongressen. Dabei bietet der digitale Strukturwandel den Verlagshäusern jetzt sehr große unternehmerische Chancen, 09.12.2013

Berliner Zeitung, Martin Fleischhacker: Das neue Geschäftsmodell, von Arno Widmann, 28.02.2014

Tiroler Tageszeitung, Online, Fleischhackers „Nachruf“ auf die Zeitung – „There will be Blood“ 1, von Johannes Bruckenberger/APA, 03.03.2014

Brandstätter Verlag Wien: Michael Fleischhacker (Autor), Die Zeitung – Ein Nachruf, März 2014.

Aus: MediaNews.Blog, Die Zeitung – „Ein Nachruf“ von Michael Fleischhacker, 03.03.2014

Der Autor

Knut Kuckel

Journalist (Radiojournalismus). Berufliche Stationen: Belgischer Rundfunk (BRF), Südwestrundfunk, SWR, Hessischer Rundfunk (hr).
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