Welche Rolle sollen, welche Rolle wollen Politikjournalisten künftig in der Gesellschaft spielen? – “Journalisten haben keine Distanz zu Politikern”, so Gabor Steingart unlängst, die “Sieben Versäumnisse des Journalismus” aufzählend. 

“In der Mediengesellschaft tobt der Kampf um Aufmerksamkeit – das gilt für Politiker ebenso wie für Journalisten, die über Politik berichten”, schreibt Susanne Fengler, Professorin für internationalen Journalismus, TU Dortmund, in ihrem Buch “Politikjournalismus¹” (gemeinsam mit Bettina Vestring).  

Steingart sehr direkt: ”Wir haben uns mit der Politik gemein gemacht.” Und „Jeder Bundeskanzler besitzt in der Bundespressekonferenz eine absolute Mehrheit“, habe der langjährige und gerade verstorbene Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann den Opportunismusverdacht zusammengefasst. Obwohl der politische Journalismus die Königsdisziplin der Journalismus-Genres zu sein scheint, gibt es in der Literatur wenig Erhellendes dazu. Das ist bedauernswert.

Susanne Fengler: “Auf der einen Seite ist der Politik-Journalismus für viele das erste, an was sie denken, wenn sie Journalismus hören. Auf der anderen Seite sind die Politik-Kollegen auch von der Politikverdrossenheit betroffen: Der Bürger trennt nicht unbedingt scharf zwischen dem Polit-Zirkus selbst und den berichterstattenden Medien.” Forschungsschwerpunkte der Kommunikationswissenschaftlerin Susanne Fengler sind vermutlich deshalb in der international vergleichenden Journalismusforschung u.a. Politik- und Medienjournalismus.

Fengler: “In Berlin ist die wichtigste Person der Kanzler oder die Kanzlerin; in den Landeshauptstädten der Ministerpräsident; in Brüssel der Kommissionspräsident; in den Städten der Bürgermeister. Ihnen gegenüber den richtigen Ton zu treffen, ist für die jeweilige Korrespondentenschar stets ein Balanceakt. Aber auch der angemessene Umgang mit Ministern, Staatssekretären, Abgeordneten und Parteivertretern ist nicht immer leicht.”

Im Vorwort zum Buch Politikjournalismus schreibt der Journalist Uwe Vorkötter: “Das Berufsbild des Politik-Journalisten wird sich allerdings wandeln. Vor allem wird es differenzierter werden. Es wird den Rechercheur geben, der die harte, auch investigative Geschichte schreibt, die in deutschen Medien noch immer die Ausnahme ist. Es wird den Flaneur geben, der das sensible Porträt, die große Parteitags-Reportage schreibt. Außerdem den Kommentator und Analytiker, möglicherweise den Interview-Spezialisten. Und in der Zentralredaktion natürlich den versierten Blattmacher, der als Generalist die Themen bewertet, ordnet, ins Blatt oder auf Sendung bringt. Und den Video-Journalisten, der die Politik für die Online-Medien aufbereitet, mit einfachen technischen Mitteln, aber als Profi seines Fachs. Der traditionelle Berliner, eigentlich noch aus Bonner Zeiten übrig gebliebene Korrespondent, der alles und jedes macht, solange es sich im Regierungsviertel der Hauptstadt abspielt, wird dagegen an Bedeutung verlieren.”

In den USA und in Deutschland boomt der Medienjournalismus. Doch während der kritische Umgang mit dem eigenen Medienhaus und der Branche in den Vereinigten Staaten eine lange Tradition hat und in Europa oft zum Vorbild genommen wird, haben die Massenmedien hierzulande erst vor einiger Zeit begonnen, sich kritisch mit dem eigenen Metier zu befassen.

Warum? Kann es sein, dass die Meinungsmacher-Industrie zu sehr damit beschäftigt ist, selbst Politik zu machen? Dabei sind die Prinzipien Vielfalt und Unabhängigkeit nur hinderlich. Die Medienkritik kritisiert zwar die Macherinnen und Macher in den Medien, nicht aber die meinungsbildenden Medien. Dieser Umstand scheint ein ungeschriebenes Gesetz des Miteinanders der Medien zu sein. Nach dem vom Volksmund artikulierten Leitsatz “Eine Krähe hackt der anderen keine Augen aus”.

Das andererseits Medien Politik machen, ist nichts Neues. Zum Beispiel im Bundestagswahlkampf 2005. Als der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder Neuwahlen ankündigte, starteten die Leitmedien eine Kampagne. “Ob Spiegel, Focus oder Stern: Angela Merkel wurde von der Presse zur Favoritin und Hoffnungsträgerin erkoren, sie war der neue Garant für eine wirtschaftsfreundliche Politik. Die rot-grüne Bundesregierung galt schon vor der Wahl als Verlierer” (Aus: “Aufklärung statt Medienhype, Politischer Journalismus auf der Suche nach sich selbst, von David Goeßmann, Deutschlandfunk, 24.10.2010).

Zeitungen, Radio, Fernsehen und Online-Medien müssen sich dennoch nicht sorgen. Die Politik-Zunft beklatscht ihre Veröffentlichungen selten bis niemals. Denn der ein oder andere Politiker geht offenbar ohnehin davon aus, dass die Medien zwar für Wahlniederlagen verantwortlich sind, aber niemals für Wahlgewinne. In Zeiten der hohen Aufmerksamkeit für politische Journalisten gibt es selten Beifall. In Zeiten nämlich, in denen das Kürzel “GroKo” zum Wort des Jahres gekürt wird. Da kommt es nicht selten zum Schlagabtausch auf offener Bühne. Auch das gehört zum politischen Journalismus, der auch aktuell wieder auf dem sehr schmalen Grat zwischen Politainment und Information wandelt.

Wenn wir heute beobachten, wie über 400 Freiwillige der SPD-Basis die Stimmabgaben ihrer über 333-tausend Genossinnen und Genossen für oder gegen eine Große Koalition in Berlin auswerten, dann ist das spannendste Unterhaltung.

In diesen Stunden ringen die Medien um die Nachricht des Tages. Im Sekundentakt wird heute aus dem politischen Berlin getweetet und gesimst. Wer heute als Erster meldet “Schwarz/Rot regiert” oder “Die Groko ist geplatzt”, ist für den Moment Sieger des Geschehens. Der politische Journalismus ist ganz nah dran an den Handelnden und erfährt heute eine hohe Aufmerksamkeit seines Publikums. War er nicht zuletzt Teil des Geschehens.

Spiegel Online titelte heute um 9-Uhr-29: SPD-Mitgliederentscheid: Lastwagen mit Abstimmungsbriefen eingetroffen.

Wir erinnern uns noch sehr gut an den Schlagabtausch zwischen ZDF-Journalistin Marietta Slomka und SPD-Chef Sigmar Gabriel vor ein paar Tagen. Die Medienwelt überschlug sich zwischen Anerkennung der politischen Journalistin Slomka und Häme für den offensichtlich nervenschwachen Sigmar Gabriel. Für die einen war Slomka die “Heldin der öffentlichen Freiheit“, für andere parteiisch.

Jakob Augstein schrieb anschließend in seiner Kolumne für Spiegel Online: “Die Salutschüsse, die daraufhin auf dem Mainzer Lerchenberg abgefeuert wurden, hörte man bis Berlin! Ebenso hörbar klopfte Slomka sich selbst auf die Schulter: “Als Journalistin habe ich die Aufgabe, Politiker mit Kritik zu konfrontieren. Und zwar völlig unabhängig davon, wie ich persönlich über ein bestimmtes Thema denke.” Auch Thomas Bellut, Intendant des Senders, der nicht gerade für seine Staatsferne bekannt ist, nutzte die Gelegenheit für freundliche Worte an die eigene Adresse: “Wir sind in unserer journalistischen Arbeit unabhängig, egal wer in Berlin regiert.””

Dass es im politischen Interview nicht nur um den Informationswert, sondern auch um den Überraschungseffekt geht, wissen wir nicht erst seit Küppersbusch. “Diese übertrainierten Gesprächssportler muss man überraschen. Man muss etwas ansprechen, wo sie nichts Vorbereitetes sagen können”. (Quelle: Foraci, Franco: ClipFormat. In: taz vom 9. September 1994, S. 18.).

“”Es gibt immer wieder Mainstream-Verhalten, es gibt ein Rudelverhalten, dass man sich in eine Richtung bewegt. Aber das ist niemals von Dauer. Und es ist auch niemals so, dass es die Medien vollständig abdecken würde. Es gibt immer Gegenstimmen dagegen. Und was bei solchen Diskussionen vollständig übersehen wird, ist, was wir an Medienvielfalt durch das Internet noch dazu gewonnen haben.”” (David Goeßmann, Deutschlandfunk, 24.10.2010).

Die politische Information sollte im Idealfall informativ, wahrhaftig, relevant und klar sein. Ist sie das immer? Politiker beherrschen inzwischen auch die Technik des journalistischen Interviews. Ein Großmeister darin ist noch immer Oskar Lafontaine. Wenn er beispielsweise Fragen umdreht, liegt der Überraschungseffekt wieder beim Interviewer, der Interviewerin. Da kann man sich vor einem Gespräch noch so lange vorbereitet haben. Da werden übermalte Betonungszeichen und notierte Stichwörter auf dem Moderationstext in nur Bruchteilen einer Sekunde unwirksam. Die Punkte gehen in diesem Fall an den Politiker.

Im heutigen Journalismus, der an Schnelligkeit kaum mehr zu toppen ist, finden alte Ethikwerte kaum noch Raum. Wie die, zum Lehrsatz für angehende Journalisten gewordene Äußerung von Hanns Joachim Friedrichs, “Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er Distanz zum Gegenstand seiner Betrachtung hält; dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache; dass er immer dabei ist, aber nie dazugehört.”

Jetzt wurde in Berlin mit dem Auswerten der SPD-Voten begonnen. Dieser Medientag gehört ganz eindeutig dem politischen Journalismus. Möge er sich anständig präsentieren. Und nicht einem “Höhenrausch” verfallen, um mit den erinnerungswerten Worten des vor ein paar Wochen verstorbenen Kollegen Jürgen Leinemann zu sprechen.

¹Politikournalismus, (Kompaktwissen Journalismus), Susanne Fengler und Bettina Vestring (Herausgeberinnen: Prof. Dr. Susanne Fengler/Dr. Sonja Kretzschmar), Springer, Verlag für Sozialwissenschaften; Auflage: 2009 (Januar 2008)

Aus: MediaNews.Blog, Politischer Journalismus – Der tägliche Kampf um Aufmerksamkeit, von Knut Kuckel, 17.12.2013