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Gabor Steingart – “Die Sieben Versäumnisse des Journalismus”

Foto: MediaNews.Blog

Die Journalisten sind die Alten geblieben. Die Leser nicht, sagt Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.

Es finde täglich ein leiser Aufstand der Mündigen und Selbstbewussten statt. Redaktionen dürften nicht belehren. Gabor Steingart: “Es sind vor allem sieben Versäumnisse, die wir uns vorhalten lassen müssen.”

  1. Eintönigkeit: “Wenn wir die deutsche Pressekultur unserer Tage in den Kategorien der Landwirtschaft zu erfassen hätten, müssten wir von Monokultur sprechen.”
  2. Der Leser durchschaut die Medien: “Wir betreiben zuweilen Desinformation durch Information. Mit exzessiver Detailfreudigkeit werden Banalitäten und Beiläufigkeiten vor dem Publikum ausgebreitet, bis auch die letzten Petitessen – die privat genutzte Bundestagsbahnfahrkarte des Kanzlerkandidaten, das Bobbycar des Präsidentenpaares, eine Thekenplauderei des FDP-Fraktionsvorsitzenden, die sexuellen Frühphantasien des Daniel Cohn-Bendit – zur Staatsaffäre aufsteigen, um binnen kürzester Zeit im medialen Nichts zu verglühen. Der aufgeklärte Leser ist zu klug, diese mediale Empörungsmaschine nicht zu durchschauen.”
  3. Zu wenig Distanz. “Wir haben uns mit der Politik gemein gemacht.” Und „Jeder Bundeskanzler besitzt in der Bundespressekonferenz eine absolute Mehrheit“, hat der langjährige und soeben verstorbene Spiegel-Reporter Jürgen Leinemann den Opportunismusverdacht zusammengefasst.
  4. Zu wenig Transparenz: “Wir sind nicht ausreichend transparent. Der Herstellungsprozess von Fischstäbchen und Gummibärchen ist – dank strenger Lebensmittelgesetze – mittlerweile deutlich durchsichtiger als die Entstehung journalistischer Produkte. Von jeder Garnele kennen wir Eiweißgehalt, Aufzuchtbedingungen und Haltbarkeit. Von der Ware Information oft nicht mal den Herkunftsort.”
  5. Leser sind ebenbürtig: “Die Regierung kann man abwählen, in den Betrieben regieren die Betriebsräte mit, in den Familien wurde der patriarchalische Status des „Familienoberhaupts“ hinweggefegt, nur in den Presseorganen herrscht der reinste Feudalismus.”
  6. Mehr Klarheit und Präzision: “Unsere Wirtschaftsberichterstattung ist oft nicht auf der Höhe der Probleme. Die Staatsschuldenkrise – die die gesamte westliche Welt erfasst hat – wird hierzulande auf eine Euro-Krise oder gar auf eine Griechenlandkrise verkürzt. Damit werden die Vorgänge ihrer eigentlichen Urheber entledigt.”
  7. Verlage zwischen „museal“ und „modern“: “Wir haben uns unterwerfen lassen. Ein entkräfteter Journalismus hat vielerorts zugelassen, dass die Kaste der Kaufleute das Kommando übernahm. Es kam zu einer Verschiebung in der inneren Machtarchitektur der Verlage.” […] “Also: Der Kampf um den Leser und die Leserin wird mit geschärftem Verstand und gespitzter Feder gewonnen, nicht mit dem Rechenschieber und dem Trauerkloß im Hals. Wenn wir eine Koalition schmieden wollen, dann die mit unseren aufmüpfigen und engagierten Leserinnen und Lesern. ” Steingart: “Wir brauchen in den Redaktionen nicht Synergie, sondern Reibung.”

Quelle: → Thesen zur „Leser-Revolution“, Das Ende des Frontalunterrichts, von Gabor Steingart, Handelsblatt, 15.11.2013

Aus: MediaNews.Blog, 18.11.2013, Gabor Steingart – „Die Sieben Versäumnisse des Journalismus

Der Autor

Knut Kuckel

Journalist / Publizist. Herausgeber von:
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